W. Somerset Maugham: Silbermond und Kupfermünze
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Der Künstler - Maler, Dichter oder Musiker - befriedigt unseren ästhetischen Sinn mit seinen erhabenen und schönen Zeichen; aber das ist dem Sexualtrieb verwandt und hat teil an dessen Grausamkeit: er breitet sein innerstes Wesen vor uns aus.
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Kunst ist eine Gefühlsäußerung, und Gefühl spricht eine Sprache, die jedermann verstehen kann.
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Die Fähigkeit, Mythen zu bilden, ist dem Menschen angeboren. Gierig greift er alle überraschenden oder geheimnisvollen Ereignisse in der Laufbahn jener auf, die sich von ihren Mitmenschen irgendwie unterscheiden, und erfindet eine Legende, an die er dann fanatisch glaubt. Es ist ein Protest des romantischen Geistes gegen die Nüchternheit des täglichen Lebens.
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"Sachte, sachte! Sie dürfen uns nicht für gar so dumm halten. Zufällig wissen wir, daß Sie mit einer Frau weggefahren sind."
Er stuzte und brach dann plötzlich in tosendes Gelächter aus. Er lachte so laut, daß sich die Leute, die in unserer Nähe saßen, umdrehten und einige von ihnen gleichfalls zu lachen begannen.
"Ich weiß nicht, was daran so lustig sein soll."
"Arme Amy", sagte er grinsend.
Dann nahm sein Gesicht den Ausdruck bitterer Verachtung an.
"Wie wenig Verstand Frauen doch haben! Liebe. Immer ist es Liebe. Sie bilden sich ein, daß ein Mann sie nur verläßt, weil er andere will. Glauben Sie wirklich, daß ich so dumm bin, das, was ich getan habe, wegen einer Frau zu tun?"
"Wollen Sie damit sagen, Sie hätten Ihre Frau nicht wegen einer anderen verlassen?"
"Natürlich nicht."
"Auf Ihr Ehrenwort?"
Ich weiß nicht warum ich das verlangte. Es war sehr naiv von mir.
"Auf mein Ehrenwort."
"Warum, um Himmels willen, haben Sie sie dann verlassen?"
"Ich möchte malen."
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"Warum sollte man annehmen, daß Schönheit, das Kostbarste auf dieser Erde, wie ein Stein am Strand liegt, damit sie jeder gedankenlos Vorübergehende so nebenbei aufhebt? Schönheit ist etwas Wunderbares und Ungewöhnliches, das der Künstler unter Seelenqual aus dem Chaos der Welt formt. Und wenn er sie geschaffen hat, ist es nicht allen vergönnt, sie zu erkennen. Um sie zu erkennen, muß man das Abenteuer des Künstlers wiederholen. Es ist eine Melodie, die er singt, und um sie im eigenen Herzen zu hören, braucht man Wissen, Empfindsamkeit und Phantasie."
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Er lebte in einem Traum, die Wirklichkeit bedeutete ihm nichts. Ich hatte das Gefühl, daß er mit der ganzen Kraft seiner starken Persönlichkeit an einer Leinwand arbeitete, blind für alles andere, um das zu erfassen, was er mit seinem geistigen Augen erblickte; und dann, wenn er fertig war, vielleicht nicht mit dem Bild, sondern mit der Leidenschaft, die ihn antrieb, verlor er alles Interesse daran. Er war mit dem, was er gemacht hatte, nie zufrieden: es schien ihm bedeutungslos, verglichen mit der Vision, die seine Seele heimsuchte.
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Jeder von uns ist auf der Welt allein. Er ist in einem ehernen Turm eingeschlossen und kann mit seinen Mitmenschen nur mit Hilfe von Zeichen in Verbindung treten, und diese Zeichen haben keine allgemein verständliche Bedeutung, so daß ihr Sinn vage und unbestimmt ist. Kläglich versuchen wir, anderen die Reichtümer unseres Herzens zu übermitteln, aber sie haben nicht die Fähigkeit, sie anzunehmen; und daher gehen wir einsam nebeneinander, aber nicht miteinander, unfähig, unsere Mitmensch zu verstehen, und unverstanden von ihnen. Wir sind wie Menschen, dien in einem Land leben, dessen Sprache sie so schlecht beherrschen, daß sie, trotz all den schönen und klugen Dingen, die sie zu sagen hätten, zu den Banalitäten ihres Sprachführers verurteilt sind. Ihr Hirn kocht vor Ideen, aber sie können nur sagen, daß der Schirm der Tante des Gärtners im Hause ist.
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