Silvio Blatter [Die Glückszahl]

  Die Dämmerung machte die Vögel schläfrig, das Gezwitscher wurde erträglich, die Loopings und Sturzflüge selten, bald würden die kleinen Flitzer in ihrem Schlafbaum verschwinden und sich stumm ins Nachtblau schmiegen.

  Auch das Unterlassene zieht Spuren und zeichnet Menschen, ohne dass sie es merken, es schreibt sich von der Rückseite ins Leben ein.

  Die Erfahrung, dass das Wesen des Wünschens nicht die Wunscherfüllung war, bot mir keinerlei Trost.

  Ich sprach, an sie geschmiegt, mit geschlossenen Augen, ganz Stimme, lag auf dem Bett, in meinen Zimmer, den Arm unter ihren Nacken geschoben. Ich liebte es, Jodies Kopf in der Armbeuge zu spüren, sein Gewicht. Wir waren verliebt und neugierig, es gab absolut nichts, was wir einander nicht erzählen wollten, und jeder bemühte sich, dem anderen die Geschichten und Geschicke, sein Familienleben näher zu bringen, ihm möglichst günstige Einblicke zu gewähren und, wenn nicht um Sympathie, so zumindest um Nachsicht zu werben. Schon das Reden war wichtig, der Stimme, den Worten des anderen zu lauschen und die Wärme und seinen Körper zu spüren. Man erschafft eine Welt beim Erzählen. Nichts anderes können wir erkennen, als das, worüber wir sprechen. Erzählen erzeugt Nähe. Hat es gar Nähe als Bedingung?

  Bei einer Pause, wenn ich anhielt und abstieg, um zu tanken, musste ich mich geradezu von der Maschine ablösen und fühlte schmerz, Trennungsschmerz. Mein Kreislauf war mit dem Motor gekoppelt, ein System von Leitungen, Ventilen, Kolben und Energie vereinigte den Maschinenkörper mit dem Menschenleib. Wenn ich Motorrad fuhr, fühlte ich mich außerhalb der Zeit und anderen Zweibeinern nicht artverwandt.

  Unsere Schritte auf dem asphaltierten Weg und das Gewisper alter Bäume, angenehme Geräusche, und der Ruf aufgestörter Wasservögel, auch Menschen waren zu hören. Jemand lachte. Einzelgänger, Gruppen, im Halbdunkel. Vor allem aber Paare. Verliebte gingen eng umschlungen, grüne und blaue Töne, samtene Farben, bildeten einen Dunkelakkord. Hell erleuchtet fuhr das Tanzschiff auf dem See. Alle, die am Ufer unterwegs waren, gerieten immer wieder ins Gelbe Licht der Lampen. Als würde eine Lücke geöffnet, die für eine Sekunde Einblick in ein fremdes Dasein gewährte. Ein Menschenstrom durchkreuzte die Lichtkegel. Ein Menschenzug war unterwegs. Ein Totentanz?


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