Robert Dessaix - Briefe aus der Nacht

Seit meiner Kindheit haben mich Schreibwarenläden mit einem Gefühl der Wärme erfüllt. Oft spaziere ich hinein, bloß um den trockenen Papiergeruch zu riechen, Schreibblöcke und Notizbücher in die Hand zu nehmen und mir die Anordnung gedruckter Linien vor Augen zu führen. Menschliche Leben werden darauf ausgebreitet, neue Anfänge gelegt.


Hier oben irgendwo hatte es sich vor nicht allzulanger Zeit zugetragen, daß eine Mutter ihren Sohn erstochen hatte, weil er nicht zur Messe gehen wollte. "Ich will ihn lieber tot haben, als daß er nicht zur Messe geht", hatte sie gesagt. Ein bißchen sah der Ort auch danach aus.


Einer der Gründe, so kam mir in den Sinn, warum Schönheit in diesem Ausmaß eine Art von Angst oder Schmerz hervorrufen kann, ist der, daß du daran erinnert wirst, daß die eigenen alltäglichen Erwartungen vom Leben zu eng, zu farblos gewesen sind. Daher empfindest Du, selbst während Du die üppige Schönheit in Dich aufsaugst, einen plötzlichen Seelenschmerz, dem Kummer nicht unähnlich. Jedenfalls geht es mir so, und ich glaube nicht, daß ich der einzige bin.


Natürlich habe ich mir alles mögliche Unwahre und Halbwahre ausgedacht, was ich ihm sagen könnte, einiges davon recht einfallsreich, vielleicht aber sollte ich meinen Augenblick abpassen und ihm die Wahrheit sagen. Es ist nur so, daß ich mir noch nicht gänzlich sicher bin, was sie ist.


Zu sagen, ich befände mich "am Rande des schmerzvollen, abgrundtiefen Tales" ist wahrscheinlich zu melodramatisch, aber die Zeile kommt mir jetzt in den Sinn - es ist eine von denen, die ich gestern abend unterstrichen habe; dazu sind Taschenbücher schließlich da -, und ich war mir eindeutig der verlassenen Atmosphäre des Ortes bewußt, in den wir hinabfuhren. Ich bin mir nicht sicher, wovon genau er verlassen schien, aber in meiner dantesken Stimmung an jenem Abend meinte ich wahrscheinlich, von der Hoffnung. "Und nichts andres drückt uns, als daß wir hoffnungslos in Sehnsucht leben." Wenig Schmerz, bloß Blindheit im weitesten Sinn und wage Aufwallungen von Verlangen, sehr bemerkenswert in einer derart panoramischen Umgebung.


"Empfindsamkeiten" [...] eine Selbstbewußtheit und sogar Wertschätzung dessen, was Du empfindest, sowie auch ein gewisses Vergnügen, welches bei der Art und Weise, wie die unterschiedlichen Gefühlsströmungen, die Du erlebst, miteinander und gegeneinander arbeiten, um ein Ganzes zu erzeugen - ein emotionales Selbst, wenn Du so willst.

[...] daß empfindsames Reisen wahrscheinlich immer erotisch ist - in gewisser Hinsicht.


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