Der Drache und der Metzger von Brünn
aus Liebesbrand von Feridun Zaimoglu

 Als wir dann endlich ankamen, rannte ich auf den Bahnhofsvorplatz und schaute blind auf die Männer und Frauen, die das gute Wetter herausgelockt hatte, sie trugen große Sonnenbrillen, und sie sahen sich durch die dunklen Hornissenaugen neugierig um, ich hörte doch tatsächlich deutsche Touristen von einem bezaubernden Städtchen sprechen, ich wußte, es war ungerecht, ich wußte, ich sollte meine Wut zügeln. Jarmila wies mir den Weg, und wir nahmen die Masarykova-Straße, hier das Kapuzinerkloster, dort das Franziskanerkloster, und dann standen wir schon auf dem Krautmarktplatz, die Obst- und Gemüsestände waren um einen Brunnen gruppiert, in der Brunnengrotte war ein Gigant in der Siegerpose erstarrt, Herkules fesselt den Höllenhund, sagte Jarmila, mir sind sie zuwider, sagte ich, Männer, die dem leeren Himmel die Erschlagenen und Niedergeknüppelten als Opfer darbringen, immer und überall, sie nahm mich bei der Hand und führte mich zum Alten Rathaus, im Durchgang zum Hof hing an Ketten ein ausgestopftes Krokodil von der Decke. Sie erzählte die Brünner Sage von dem gescheiten Metzger und dem dummen Drachen, der die Lämmer auf der Weide fraß und gegen den die Männer machtlos waren, und als sie von den Marktfrauen zu Feiglingen erklärt wurden, versprachen die Ratsherren hundert Goldmünzen demjenigen, dem es gelingen würde, den Drachen zu erschlagen. An dieser Stelle der Sage gingen die Meinungen auseinander: Für die einen war es ein großer Sohn der Stadt, der eine List ersann; für die anderen holten die Brünner Bürger einen Mann von außerhalb, weil sie im wahrscheinlichen Fall seines gewaltsamen Todes den Klatsch der Marktfrauen fürchteten. Und also verlangte der gescheite Metzger ungelöschten Kalk, den er in eine Ochsenhaut einnähte, und das dumme Krokodil fraß den prallen Sack auf, bekam Durst, soff fast das ganze Flußwasser leer, und siehe, sein Bauch platzte auf. Der Metzger wurde belohnt, bekam die schönste Marktfrau zum Weibe, und auch wenn er immer nach Fleisch und Blut stank, wurde er bis zum Ende seiner Tage als Drachentöter bewundert - weshalb es den Ratsherren angeraten schien, ihn auf dem Höhepunkt seines Ruhms auf den Grund des Flusses Svitava zu befördern, das aber ist ein Kapitel der inoffiziellen Stadtgeschichte. Es hörte sich in meinen Ohren wie eine wahre Geschichte an, ich fragte Jarmila nach dem Wagenrad, das neben dem baumelnden Kadaver des Lindwurms auch ausgestellt war, ach, das ist nur die eingelöste Wette eines Zimmermanns, sagte Jarmila, vielleicht haben die Stadtoberen auch Ketzer auf eben dieses Rad geflochten, und weil es nicht brach, haben sie den Meister, der es gezimmert hat, mit der Ausstellung des Schmuckstücks belohnt.
 Wenig später standen wir vor der Pestsäule auf dem Freiheitsplatz, wegen der vielen Schnappschuß-Fotografen gingen wir schnell weiter, folgten den Straßenbahngleisen bis zu der Jakobskirche, ich hatte keine Lust, schon wieder eine Kirche zu besichtigen, Jarmila machte keine Anstalten, einzutreten, sie ging um das Gotteshaus herum und zeigte auf die Wasserspeier mit den fratzenhaften Gesichtern und dann auf eine Figur über dem Türsturz eines Turms. Ich sah einen Mann, der seinen entblößten Hintern zeigte, endlich kein Heiliger und kein Held, es gefiel mir, und es gefiel auch vielen anderen Touristen, die einander kichernd anstießen und ihre Mobiltelefone hochhielten, um ein Erinnerungsfoto zu machen. Der da oben wird allen als "das schamlose Männchen" verkauft, sagte Jarmila, und sie erzählen allen Menschen, daß sich damit ein um seinen Lohn gebrachter Steinmetz rächen wollte, aber auch hier gibt es eine geheime und wahre Geschichte, die du jetzt und sofort hören möchtest, oder nicht?
 Ja, bitte, sprach ich hastig.
 Wenn man auf das Männchen einen zweiten und dritten Blick wirft, fuhr sie fort, entdeckt man, daß es mit seinem Körper das Weibchen verdeckt, dort oben sieht man also ... Sagt man das ... Liebesakt?
 Kann man, aber es klingt etwas technisch. Gekonnte Liebe ist auch perfekte Technik, sagte sie. Was sollte ich ihr darauf erwidern, ich schaute sie an, ich schaute wieder hoch, und obwohl ich mir Mühe gab, gelang es mir nicht, die verdeckte Frau zu erkennen, vielleicht hatte ein rachsüchtiger Bildhauer seinen Fluch in Stein gemeißelt, vielleicht hatte er aber auch der Bitte eines Priesters entsprochen, der das Gebot der Keuschheit nur bedingt befolgen mochte.
 


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