Antonio Muņoz Molina
Carlotas Liebhaber

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Und da ist noch etwas, was ich nicht verschweigen sollte: Auf Reisen bin ich vollkommen unfähig, mich anderen Menschen zu öffnen. Kaum verlasse ich das Haus Richtung Flughafen oder Bahnhof, ist es, als würde ich mit einem Tauchanzug unter Wasser gehen, und jede Androhung eines Gesprächs ist mir lästig. Ich bin das, was die Soziologen hier mit einer treffenden Metapher als Cocoon-Typ bezeichnen. Selbst wenn ich nicht in meinem gut geheizten und mit dicken Teppichen ausgelegten Haus bin, bin ich überall vom wärmenden Kokon meiner comfortable privacy umgeben. Ich schlage begierig die für die Reise ausgewählten Bücher und Zeitschriften auf, oder ich greife, wenn ich viel Arbeit habe und dringend ein paper fertig stellen muss, zu meinem kleinen Computer, meinem unverzichtbaren Laptop; ich setze meine Lesebrille auf, die extra an einer Kette hängt, damit ich sie nicht verliere, stecke die andere in das Etui, verstaue es in der Innentasche meines Jacketts, und noch mitten im größten Getümmel am Flughafen ist es für mich, als befände ich mich in meinem Büro an der Universität, gegen Ende des Semesters, wenn kaum noch Studenten da sind und in den Hörsälen und den begrünten Innenhöfen eine wahrhaft klösterliche Stille herrscht.
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Nichts entschwindet so schnell aus der Erinnerung wie die ersten Etappen einer Reise. Ich kam in Buenos Aires an, und schon löste sich die ewige Wartezeit auf dem Flughafen von Pittsburgh in nichts auf. Ich vergaß den Blizzard und den strengen Winter in Pennsvlvania wie einen schlechten Traum, als ich an all die Straßen und Plätze kam, deren Namen genügten, um Erinnerungen wachzurufen; ich hatte sie zwar noch nie gesehen, aber durch die Erzählungen und die Biographie von Borges waren sie mir vertraut und ans Herz gewachsen. Ich sah die Plaza Constitución und dachte mit demselben Kummer an den Tod von Beatriz Viterbo, als wenn diese Frau wirklich existiert hätte, als wäre sie mir und nicht dem anderen, dem homo-diegetischen Erzähler dieser unvergleichlichen Erzählung Der Aleph, gestorben. Als ich auf die Calle México stieß, durchzuckte es mich bei dem Gedanken, dass dieser blinde alte Mann oft durch sie hindurch zur Biblioteca Nacional gegangen war, wo er von Büchern umgeben war, die er nicht mehr lesen konnte. Durch diese Stadt war Borges, in gelbe Schatten gehüllt, gegangen. Es erschien mir unvorstellbar, dass er schon acht Jahre tot war und dass ich nicht beim Einbiegen in eine Straße auf ihn treffen und sehen konnte, wie er sich mit zittriger Hand, uralt, ungekämmt und mit jenen seltsamen, reglosen Augen an den Hauswände entlangtastet und sich dabei Geschichten oder Verse ausdenkt oder sich an die Frauen erinnert, die ihn nie geliebt haben.
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