Nick Cave: Und die Eselin sah den Engel


Ohne Vorwarnung ins Leben befördert, ausgestoßen aus der schnapsgetränkten geronnen Milch der Schwangerschaft - ach, diese trauliche Höhle, in der wir so lange schwammen! - und jetzt vom Trauma der Geburt erschüttert hier alleingelassen, hatte ich, wie ihr euch wohl denken könnt, eine peinlich unvollkommene Vorstellung von jenem allerletzten Rätsel. Ich mein, woher hätt ich wissen sollen, wie verflucht tot ein Toter wirklich ist? [...]
- und nun klopfte ich mit einem larvengroßen Knöchel eine Botschaft, wobei ich einen Kode aus pochen und Klopfen und Pausen benutzte, den mein Bruder und ich uns ausgedacht hatten, als wir noch im murmelnden Schnurren des Mutterleibes schwammen.
Vergiß - Deinen - Bruder - Nicht - Antworte


Ma Crow hat drei Destillen. und damit brennt sie: White Jesus - Apple Jack - und Stew. Die Hobos nennen White Jesus - den sie aus Kartoffelschalen herstellt - Weißer blitz, und die Zuckerarbeiter nennen das Zeug Eckers Tränen. Ma hat sich für White Jesus entschieden. Der Apple Jack heißt bei den Hobos Jack, bei den Zuckerarbeitern Witwenpisse oder Witwenwasser. Apple Jack ist das beliebteste Gebräu, denn es ist beinahe trinkbar. Im Gegensatz zu White Jesus wird Apple Jack bei Temperaturen unter Null fest. Stew heißt bei den Hobos meistens einfach Stew, aber einige der Älteren bringen es mit Mas Lieblingsgetränk durcheinander und nennen es fälschlich Stewed Jesus. Die Zuckerarbeiter nennen es Gesöff, Pisse, Spülwasser oder Scheiße; hergestellt wird es aus jedlichen fermentierbaren Abfällen. Dieses Gebräu ist nicht selten lebensgefährlich und wird billiger verkauft als die anderen.


Die Kirche stand schwankend auf zwei Fuß hohen Kiefernholzstelzen; und darunter lag ich, als ich Poes erster Predigt lauschte. In meinem Schlupfwinkel hörte ich jedes seiner Worte, hörte seine humpelnden Schritte, das feierliche Hallelujagemurmel der Gemeinde und das Kreischen des Rollstuhls, und aus der Lautstärke seiner Donnerworte schloß ich, daß sie Selbsttäuschung nicht minder waren als Betrug seiner Zuhörer.
"Wer ist der Jäger?"
"Er steht eben jetzt vor Euch!"
Ha! Welche Ironie! Armer irregeführter Poe! Die Weissagung des verrückten Predigers war beinahe richtig! O, die Qualen der Heiligen und Möchtegernheiligen. Ha! Nie sich im Ruhm der Erfüllung seiner Prophezeiungen zu sonnen! Hätte er doch nur gewußt, daß der Jäger, nach dem sie ihn fragten, in Wahrheit ich war!
"Wer ist der Jäger?"
"Er liegt eben jetzt unter Euch!"


Den Boden nach Pfützen und Schlaglöchern absuchend, wurde ihm plötzlich bewußt, daß da der matte aber merkliche Fleck seines Schattens um seine füße dümpelte, und ihn überkam das seltsame Gefühl, etwas gefunden zu haben, das er für immer verloren geglaubt hatte. Und während er hüpfend und hastend heimwärts rannte, sah er mit zunehmender Verzückung seinen so lange vermißten Gefährten sich an seine Fersen heften, und als er die Stadtgrenze passiert hatte, verlangsamte er seinen Schritt - längst vergessen war im Licht des erneuten Bundes der Grund für seine wilde Flucht - und blieb dann, den Blick auf den Boden geleimt, endgültig stehen, wobei er fast erwartete, sein Schatten werde einfach weitergehen oder just, wie er gekommen war, wieder verschwinden. Doch der tat nichts von alledem, und er sah voller Staunen zu, wie der dunkle Fleck um seine Füße immer schwärzer und schwärzer wurde.


Alle Furcht wich von mir.
Mein Körper geriet in ein köstliches Zittern. Seliges Schaudern. Mein ganzes Wesen schwoll von Kraft - von der Kraft. Das Blut rauschte dampfend in meinen Adern auf. Es sang. Mein Blut sang. Durchpochte mich. Mein Herz trieb das Blut mit Trommelschlägen. Die Pumpen der Wonne tobten und dröhnten. Mein Fleisch war warmer Schlamm. [...]
Ich ging nicht allein. Sondern an Seiner Hand.
Und alle Furcht wich von mir.
Die Ukuliten, bewaffnet mit Taschenlampen und Heurechen, sahen von meinem Posten aus auf der Anhöhe bei der Hütte wie Ameisen aus. Belfernd und betend fächelten sie die Flammen. Ich fragte mich, wie sie auf Ihn wirken mochten, diese Ameisen, diesen fieberhaften Fleckchen da unten. Ich streckte meine Hand aus. Sie waren nicht größer als mein Daumen. Ich spreizte die Finger und sah, daß sie die ganze Ruhmes-Ebene umspannten; und langsam krallte ich die finger zusammen und zerquetschte sie alle mitsamt dem Feuer in meiner Faust.
Ich lachte, und das Tal erzitterte vom Widerhall.


Die Sonne, daß weiß ich noch, kämpfte mit einem Rudel fetter Wattewolken, und die Schatten kamen und gingen und kamen und gingen, bis die verhüllte Nacht sie alle miteinander einsackte.


Plötzlich sauste etwas Reines und Weißes in mein Blickfeld, schwebte dann in den Schattenblock, und einen Augenblick lang glaubte ich einen Geisterschwan gesehen zu haben, die perlweißen Schwingen ausgebreitet, den geschmeidigen Kopf hoch auf dem langen Hals. Der Vogel schien mitten in der Luft hängengeblieben, eingesargt in Schatten. Dann legte er die Flügel an und knickte ein - stromlinienförmig und sylphenhaft -, um in flachem Bogen tief hinabzutauchen und wie ein Phönix aus der Schattenasche ins Licht der Morgensonne zu klatschen.
Beth auf der Schaukel. Die arme Beth auf der Schaukel. Ihr Haar wie geschmolzenes Gold.


Als ich die Augen wieder aufmachte, kreiste die Mittagssonne am nahen wolkenlosen Himmel. Der Tag surrte und tickte in der Betriebsamkeit des Frühlings. Ein Trupp winziger roter Ameisen umsegelte meinen linken Stiefel. Zwei Fliegen fickten in dem ausgebrannten Krater einer unverheilten Wunde auf meinem Handrücken, ich ließ sie machen, hatte weder die Kraft noch die Absicht, sie zu verscheuchen. Ich hob den kopf, ließ ihn an die Wand des turms zurückfallen. aus dem Sumpf kam das Rülpsen eines Ochsenfrosches. Kleiner Trost.


Andererseits - welcher Sinn genau nun hinter unserem irdischen Leiden steckt, ist mir ebenso ein Rätsel, wie es für euch bestimmt auch eins ist. Ich meine, auf welchem Weg kommt Gott etwa zu dem Entschluß, alles Wasser von Ort A abzuziehen und über Ort B abzuwerfen? Was denkt er sich dabei? Ich frage euch. Wenn uns derlei nicht entsprechend dem Eifer, mit dem wir unseren göttlichen Aufgaben nachgehen, zugemessen wird, und davon können wir sicher ausgehen, ja was dann? frag ich mich. Was geht da oben vor? Wonach wird das Elend bemessen? Was läßt die Waagschale sinken? Ist es ein Zufallssystem? Eine Rouletteschüssel? Ein Würfelspiel? Oder gibt es da ein bestimmtes Muster? Etwas, das vor der Schöpfung erfunden wurde; hat es was mit den Jahreszeiten zu tun, mit Astrologie? Wieso wurde bei der ersten überlieferten Massenausrottung die Sintflutmethode angewandt? Wollte Gott ein Bad nehmen? Ich frage euch. Oder gab es erst das System, und dann die Schöpfung? Ist das System mathematisch? Numerisch? Oder vielleicht alphabetisch? "Heute sind wir bei P - Pest allenthalben, ein paar Progrome, etliche Plagen, dann ein bißchen Putzen und eine Praline hinterher..." Bald werd ich's wissen - wenn der Tod mich endlich bezwungen hat - wenn ich außer Reichweite des des Lebens bin - wenn ich keine Chance mehr habe, zurückzukehren - ja, dann wird mir das alles offenbart werden.


Als die Ostflanke des Tals vom neuen Morgen schmerzte, sah man die schwindende Nacht zu einem Kristall werden, in den winzige graue Körner der Sichtbarkeit eingeschlossen waren; und in diese Halb-Dunkelheit schleppte ich meinen gekreuzigten Körper unter der Brücke hervor.


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