Ausschnitte aus dem Buch
Reise ans Ende der Nacht
von
Louis-Ferdinand Celine


Alcide und ich verstanden uns schon ausgezeichnet. Wir haben zusammen versucht, Sägefische zu angeln, eine Art Haifische, die vor der Hütte wimmelten. Er war dabei ebenso ungeschickt wie ich. Wir haben nichts gefangen.

"Wo tust du dein schmieriges Geld eigentlich hin?" hab ich ihn ein paarmal gefragt. "Wo versteckst du deinen Mammon?" Darüber konnte er sich wütend ärgern. "Du wirst damit nach der Heimkehr wohl eine ungeheure Pufftournee veranstalten?" Ich hab ihn immer geneckt. Und wenn wir uns über die unvermeidlichen 'Tomatenkonserven' machten, erfand ich zu seinem Ergötzen alle Einzelheiten eines ungeheuren Schwofs nach seiner Heimkehr nach Bordeaux, von einem Puff zum andern. Er hat nichts darauf.gesagt. Er hat nur gegrinst, als ob es ihn amüsierte.

Außer dem Exerzieren und den Gerichtssitzungen trug sich in Topo gar nichts zu. Also war ich gezwungen, aus Mangel an neuem Stoff immer wieder dieselben Witze zu machen.

In den letzten Tagen bekam ich auf einmal Lust, an Herrn Puta zu schreiben und ihn anzupumpen. Alcide wollte es übernehmen, meinen Brief das nächste Mal der Papauatah mitzugeben. Alcide bewahrte seine Schreibsachen in einer kleinen Keksschachtel auf; genau dieselbe hatte Branledore gehabt. Offenbar hatten alle Unteroffiziere die gleichen Angewohnheiten. Aber als Alcide bemerkte, daß ich die Schachtel öffnen wollte, machte er zu meiner Überraschung eine Gebärde, als ob er mich daran hindern wollte. Ich wurde verlegen. Ich wußte nicht, was er dagegen hatte, und stellte die Schachtel wieder auf den Tisch zurück. "Geh, mach sie ruhig auf!" sagte er schließlich. "Es macht wirklich nichts aus." Auf der Rückseite des Deckels war die Fotografie eines kleinen Mädchens aufgeklebt. Nur der Kopf war drauf, ein sehr süßes Gesichtchen mit langen Locken, wie man sie damals trug. Ich nahm Papier und Feder und schloß die Schachtel schnell wieder. Ich war sehr verlegen über meine unfreiwillige Neugierde geworden, konnte aber nicht begreifen, warum es ihm einen solchen Eindruck gemacht hatte.

Ich dachte mir gleich, es müßte sein Kind sein, und er hätte bisher mit Absicht nicht mit mir davon gesprochen. Ich habe nicht weiter gefragt, aber er stand hinter mir und versuchte mit einer komischen Stimme, die ich sonst gar nicht an ihm kannte, etwas von dem Bildchen zu erzählen. Er stotterte. Ich wäre am liebsten in die Erde versunken. Aber ich mußte ihm behilflich sein, sich auszusprechen. Ich wußte gar nicht, wie ich es anstellen sollte, um über den unangenehmen Augenblick hinwegzukommen. Ich war überzeugt davon, daß es peinlich sein würde, diese Beichte anzuhören. Ich legte gar keinen Wert darauf.

"Es ist weiter nichts", verstand ich endlich, "es ist das Töchterchen von meinem Bruder... Beide sind tot..."

"Beide Eltern?"

"Ja, beide Eltern..."

"Und wer zieht sie auf? Deine Mutter?" Ich fragte nur so, um interessiert zu scheinen.

"Mutter hab ich auch keine mehr..."

"Also wer?"

"Na, ich!"

Er grinste und wurde feuerrot, als hätte er eben etwas besonders Unanständiges getan. Dann fuhr er hastig fort:

"Das heißt, laß dir's erklären... Ich habe sie nach Bordeaux zu den Schwestern gegeben... Aber zu keinen Armenschwestern, verstehst du!... zu 'feinen' Schwestern... Ich hab nun mal die Verantwortung übernommen, und da kannst du ganz beruhigt sein... Ihr soll gar nichts abgehen! Sie heißt Ginette... Sie ist ein liebes kleines Mädel... Genau wie die Mutter... Sie schreibt mir, sie macht große Fortschritte, aber so ein Pensionat ist teuer... Besonders jetzt, wo sie schon zehn Jahre alt ist... Ich möchte gern, daß sie auch Klavier spielen lernt... Was hältst du vom Klavierspielen? ... Das ist doch was für Mädchen... Findest du nicht... Und Englisch? Englisch kann man doch auch gut brauchen, nicht wahr... Kannst du Englisch..."

Ich sah mir Alcide zum erstenmal genauer an, das pomadisierte Schnurrbärtchen, die komischen Augenbrauen, die sonnverbrannte... Je mehr er sich anklagte, daß er nicht genug tun könnte, desto genauer hab ich ihn mir angesehen. Er war so verschämt. Was hatte er sich da nicht alles von seiner kargen Löhnung abgespart... von seinen Hungerleiderprämien und von seinem winzigen vorschriftswidrigen Handel... Und das monate-, jahrelang in Topo, dieser Hölle! Ich wußte gar nicht, was ich sagen sollte, ich verstand sehr wenig von alldem, aber er war um soviel besser als ich, daß ich ganz rot darüber wurde... Neben Alcide war ich nichts weiter als ein unbegabter, läppischer, schwerfälliger Flegel. Da war nichts dran zu tippen. Es war ausgemacht.

Ich wagte gar nicht mehr, mit ihm zu reden, ich fühlte mich dessen auf einmal gar nicht wert. Und ich hatte Alcide noch am Tag vorher ein bißchen von oben herab angesehen, ja ihn sogar ein wenig verachtet.

"Ich hab kein Glück gehabt", fuhr er fort, und es fiel ihm gar nicht ein, daß seine Bekenntnisse mich in Verlegenheit versetzen könnten. "Denk dir, vor zwei Jahren hat sie Kinderlähmung gehabt... Stell dir das vor... Weißt du, was Kinderlähmung ist?"

Und er erklärte mir, daß das linke Bein des Kindes verkümmert war und daß sie bei einem Spezialisten in Bordeaux elektrisiert wurde.

"Glaubst du, daß das wieder in Ordnung kommt?" fragte er besorgt.

Ich versicherte ihm, daß die Zeit und die Elektrizität da Wunder wirken würden. Er sprach sehr behutsam von seiner verstorbenen Mutter und von dem Gebrechen der Kleinen. Sogar aus der Entfernung befürchtete er, ihr weh zu tun.

"Hast du sie seit ihrer Krankheit wiedergesehen?"

"Nein... ich war ja hier..."

"Fährst du bald hinüber?"

"Ich glaube nicht, daß das vor drei Jahren gehen wird... Verstehst du, hier mach ich ganz gute Geschäfte... Und damit kann ich ihr helfen... Wenn ich jetzt auf Urlaub ginge, wäre der Posten hinterher besetzt... besonders, wo dieses Schwein da ist..."

Also war Alcide darum eingekommen, daß seine Dienstzeit verdoppelt würde, er machte sechs Jahre in Topo ab statt drei, und das alles für die kleine Nichte, von der er nur ein paar Briefe und ein Bildchen hatte. "Das ärgert mich", sagte er beim Schlafengehn, "daß sie niemand hat, wo sie während der Ferien sein könnte... Das ist schlimm für so ein kleines Kind..."

Offenbar gelangte Alcide ohne weiteres in die höheren Sphären, so oft es ihm beliebte und ganz mühelos. Er duzte sich sozusagen mit den Engeln, und man sah ihm gar nichts davon an. Ohne weiter darüber nachzudenken, hatte er einem kleinen Mädchen, mit dem er entfernt verwandt war, martervolle Jahre dargebracht. Er hatte sein armes Leben in dieser glühenden Einöde vernichtet, ausgelöscht, bedingungslos, ohne zu markten, ohne andern Antrieb als den seines guten Herzens. Er brachte diesem fernen kleinen Mädchen soviel Liebe dar, daß es genügt hätte, eine Welt neu aufzubauen, und man merkte nichts davon.

Er schlief beim Schein der Kerze plötzlich ein. Schließlich erhob ich mich und durchforschte bei ihrem Licht seine Züge. Er schlief wie alle Welt. Er sah ganz alltäglich aus. Und es wäre gar nicht schlecht, wenn es etwas gäbe, wodurch man die Guten von den Bösen unterscheiden könnte.


Poetisches Mitleid im rechten Augenblick steht manchen Frauen genauso reizend zu Gesicht wie Mondenschein und duftige Locken.

Aus all ihren Reden und ihrer Fürsorge konnte man es schon jetzt heraushören: «Netter kleiner Soldat, du wirst zugrunde gehen ... du wirst zugrunde gehen... Krieg ist Krieg... Jeder lebt sein Leben... Jeder spielt seine Rolle... Jeder stirbt seinen Tod... Wir tun, als teilten wir dein Elend... Aber man teilt niemands Tod... Alles ist dazu da, um den gesunden Körpern und Seelen zur Ergötzung zu dienen und zu nichts anderm, und wir sind kräftige, schöne, junge Mädchen, aus guter Familie, gesund und gut erzogen... Bei uns wird alles automatisch zur Erotik, zu einem frohen Schauspiel, das auch die andern froh macht! Unsere Gesundheit fordert das! Und die garstigen Orgien des Kummers sind nichts für uns! ... Wir brauchen Reizmittel, nur Reizmittel... man wird euch bald vergessen, kleine Soldaten... Seid lieb und geht recht schnell zugrunde... Damit der Krieg endlich ein Ende nimmt und man sich mit einem eurer entzückenden Offiziere verheiraten kann... Womöglich mit einem Brünetten... Das Vaterland soll leben, von dem Papi immer spricht! ... Wie süß wird es sein, zu liehen, wenn er aus dem Feld zurückkehrt!... Unser liebes Männchen wird einen Orden haben... Es wird sich ausgezeichnet haben... Wenn Sie dann noch am Leben sind, kleiner Soldat, dürfen Sie ihm an unserm Hochzeitstag die Stiefel putzen... Werden Sie sich nicht unsres Glückes freuen, kleiner Soldat?"


"Ich versichere Sie, Molly, daß ich Sie wirklich lieb habe, und ich werde Sie immer lieb haben... so gut ich's kann. auf meine Weise..."

Meine Weise, das hieß: nicht so sehr. Und sie war doch schön und verführerisch. Aber ich hatte nun mal diese verdammte Neigung zu Hirngespinsten. Vielleicht konnte ich gar nichts dafür. Das Leben zwingt einen zu oft dazu, sich mit Hirngespinsten zu begnügen.

"Sie haben ein sehr liebevolles Herz", beruhigte sie mich, "und Sie sollen nicht meinetwegen weinen... Der Wunsch, alles zu wissen, macht Sie ganz krank. Das ist das Ganze... Schließlich ist Ihr Weg Ihnen wohl vorgezeichnet... Ihnen allein. Die einsamen Wanderer legen immer die größte Strecke zurück... Also reisen Sie bald ab?"

"Ja, ich will in Frankreich zu Ende studieren, und dann komme ich hierher zurück", versicherte ich dreist.

"Nein, Ferdinand, Sie werden nicht wiederkommen... Und ich würde auch nicht mehr hier sein..."

Sie machte sich nichts weis.

Der Augenblick der Abreise kam. Eines Abends, kurz vor der Stunde, zu der sie ins Haus zurückkehren mußte, gingen wir zum Bahnhof. Ich hatte mich im Laufe des Tages von Robinson verabschiedet. Er war auch nicht begeistert davon, daß ich ihn allein zurückließ. Alle Leute ließ ich immer allein zurück. Als Molly und ich auf dem Bahnsteig den Zug erwarteten, gingen ein paar Männer vorbei, die taten, als kennten sie sie nicht, aber sie flüsterten miteinander.

"Jetzt sind Sie schon weit fort, Ferdinand. Nicht wahr, Ferdinand, Sie tun doch ganz bestimmt das, was Sie wirklich wollen. Das ist das Wichtigste. Darauf allein kommt's an..."

Der Zug ist in den Bahnhof eingefahren. Ich war von meiner Unternehmung nicht mehr sehr überzeugt, als ich die Lokomotive sah. Ich küßte Molly mit aller Kraft, die ich noch im Leibe hatte. Zum erstenmal empfand ich echten Schmerz um alle Welt, um mich, um sie, um alle Menschen.

Vielleicht sucht man nichts anderes im Leben als den größten Schmerz, der möglich ist, um einmal man selbst zu sein, bevor man stirbt.

Viele Jahre sind seit jener Abreise vergangen... Ich habe oft nach Detroit geschrieben und an alle anderen Adressen, an die ich mich erinnern konnte, wo man etwas von Molly wissen und ihr die Briefe nachsenden konnte. Ich habe niemals eine Antwort erhalten.

Das öffentliche Haus ist jetzt geschlossen. Das ist alles, was ich erfahren habe.

Gute, verehrungswürdige Molly, wenn du an einem mir unbekannten Ort dies liest, sollst du wissen, daß ich mich dir gegenüber nicht verändert habe, daß ich dich immer und ewig liebe, auf meine Weise, und daß du immer hierherkommen und mein bescheidenes Los teilen kannst, wenn du willst. Solltest du nicht mehr schön sein, so macht das gar nichts. Wir werden uns schon damit abzufinden wissen! Ich habe soviel Schönheit von dir in meiner Erinnerung behalten, so warm und lebhaft, daß das für uns beide und für mindestens zwanzig Jahre ausreicht.

Es war eine große Dummheit und gemein und roh von mir, sie zu verlassen. Aber bis zum heutigen Tage habe ich um meine Seele gekämpft, und wenn mich morgen der Tod hinwegnähme, dann würde ich, dessen bin ich ganz gewiß, doch niemals so kalt und gemein und schwerfällig gewesen sein wie die anderen, soviel Liebe und Träume hat mir Molly während dieser Monate in Amerika geschenkt.


Da wir nun schon mal gekommen waren, mußten wir uns auf sie einstellen. Zunächst gab es eisgekühlte Getränke und Erdbeeren mit Schlagsahne, mein Lieblingsdessert. Madelon läßt sich nötigen, ehe sie mehr nimmt. Auch sie hat schon Manieren gelernt. Die Männer finden sie reizend, besonders der Schwiegervater, der ein recht gelungener Kerl ist, scheint sich sehr zu freuen, daß er sie neben sich hat, und er zappelt sich ab, um ihr angenehm zu sein. Man muß noch über den ganzen Tisch hinüber nach Leckerbissen suchen, und sie stopft sich bis zum Bersten mit Creme voll. Aus der Unterhaltung ging hervor, daß der Schwiegervater Witwer war. Scheint es aber zu vergessen! Beim Likör kriegt Madelon einen kleinen Schwips. Robinsons Anzug und der meine glänzen, aber in den Ecken, in denen wir sitzen, war das sicherlich nicht so zu sehen. Trotzdem fühlte ich mich ein wenig bedrückt in dieser in jeder Beziehung so wohlhabenden Gesellschaft, die geleckt wie die Amerikaner war und so wohlerzogen wie bei einem Wettbewerb der Eleganz.

Die betrunkene Madelon benimmt sich nicht mehr sehr gut. Ihr kleines Profil den Bildern zugewandt, schwatzt sie Albernheiten, so daß die Wirtin, etwas schockiert, wieder zur Harmonika greift, um sie zum Schweigen zu bringen, und wir alle summen das Lied, das wir vorhin gehört haben, mit.

Robinson hat es zuwege gebracht, mit seinem Nachbarn ein Gespräch über Kakaoplantagen in Gang zu bringen, über die der sehr gut Bescheid wußte. Hochinteressant. Ein Geschäftsmann. Zwei Geschäftsleute. "Als ich in Afrika war", hörte ich Robinson zu meiner großen Überraschung sagen, "damals, als ich noch als Ackerbau-Ingenieur bei der Firma Pordunere arbeitete, stellte ich zur Ernte die ganze Bevölkerung eines Dorfes an..." usw. Er konnte mich nicht sehen und daher nach Herzenslust drauflosflunkern, was das Zeug hielt... Gefälschte Erinnerungen... Sich lieb Kind machen bei dem alten Herrn... Lügen! Was er nur alles erfindet, um sich dem kompetenten Alten gleichzustellen. Robinson, der sonst immer sowenig spricht, geht mir peinlich und direkt auf die Nerven.

Man hat Robinson den Ehrenplatz in der Tiefe eines großen Diwans angewiesen. In der rechten Hand hält er ein Glas Cognac, während er mit der andern gestikuliert und die Majestät der Urwälder sowie die Wut der äquatorialen Tornados beschwört. Er war ganz hingerissen, ganz in Schwung... Alcide hätte schön gelacht, wenn er in der Ecke da hätte zuhören können. Armer Alcide!

Keine Frage, man fühlt sich äußerst wohl auf ihrem Schiff. Besonders, da sich vom Fluß her ein kleiner Wind erhebt und in den Fensterrahmen die Vorhänge sich wie kleine Flaggen lustig blähen.

Zum Schluß gibt's wieder Eis und wieder Champagner. Es war sein Geburtstag, wie er mindestens hundertmal wiederholte. Er hatte sich vorgenommen, einmal allen einen guten Tag zu machen, sogar den Passanten auf der Straße. Uns nur ausnahmsweise. Für ein, zwei, ja vielleicht gar drei Stunden dürfen wir alle mit ihm gut Freund sein, selbst wir drei Fremden, die man mangels besserer Gesellschaft auf der Straße aufgelesen hatte, damit nicht dreizehn bei Tisch wären. Ich war schon nah daran, mir ein Lied zu pfeifen, überlegte mir es aber noch rechtzeitig. Es war besser, um die Einladung einigermaßen zu rechtfertigen, ihnen zu enthüllen, daß ich einer der angesehensten Ärzte der Pariser Vororte bin! Aus meinem Aufzug konnten diese Leute das natürlich nicht schließen! Aus der Mittelmäßigkeit meiner Gefährten noch weniger! Aber sowie sie meinen Stand kennen, sind sie entzückt, ja geschmeichelt, und beehren mich mit der Einweihung in ihre kleinen körperlichen Leiden. Ich benütze die Gelegenheit, mich der Tochter eines Industriellen zu nähern, einer kleinen, kräftig gebauten Cousine, die gerade an Nesseln und grundlosem saurem Aufstoßen leidet.

Ist man Tafelfreuden nicht gewöhnt, so wird man beschwipst. Man hält sich nicht mehr so scharf an die Wahrheit. Man legt auch keinen Wert mehr darauf. Ich fange an, Robinson zu begreifen. Man versucht, sich mit den reichen Leuten auf ein und dasselbe Niveau zu stellen und sich vor ihnen nicht zu demütigen. Man muß einfach lügen. Wir schämen uns alle unserer schlecht genährten Leiber. Ich habe es nicht über mich gebracht, mich ihnen zu zeigen, wie ich war, ebensowenig wie ich ihnen meinen Hintern gezeigt hätte. Man muß Eindruck schinden, um jeden Preis.

Ihre sämtlichen Fragen habe ich mit Lügen beantwortet, ganz so wie Robinson es dem alten Herrn gegenüber getan hatte. Ich habe mich großartig in Szene gesetzt... «Mein enormer Patientenkreis... Die Überarbeitung... Mein Freund Robinson, der mich in sein kleines Landhaus eingeladen hat...

Übrigens ist der Tafelgenosse, wenn er gut gefuttert und getrunken hat, leicht zu überzeugen. Gott sei Dank! Er läßt sich alles einreden! Robinson hat mir's vorgemacht, und es war eine Kleinigkeit, es ihm nachzumachen.

Da Robinson eine dunkle Brille trägt, haben sie den Zustand seiner Augen nicht erkennen können. Großzügig haben wir dieses Malheur dem Krieg zugeschrieben. Von da an waren wir gut eingeführt, absolut gesellschaftsfähig und zum Range unserer Gastgeber erhoben, die anfangs die Laune des Hausherrn, uns einzuladen, aufs Konto seines mondäner Künstlertums gebucht hatten. Jetzt behandeln sie uns drei übertrieben liebenswürdig und finden uns höchst interessant

Madelon hätte als Braut ihre Rolle keuscher geben können Sie hat alle, die Damen inbegriffen, derart erregt, daß ich mich ängstlich fragte, ob das Ganze nicht mit einer grandiosen Blamage enden würde. Aber man war über ihre Anzüglichkeiten schwatzend hinweggeglitten, und nichts hat sich ereignet.

Wir bleiben an Phrasen und Kissen haften, ganz erfüllt vor dem gemeinsamen Wunsch, sich gegenseitig nach Möglichkeit, nachdem der Körper befriedigt ist, mit seinem Geist zu beglücken. Sie müssen das Gefühl haben, daß man ihner endlich ihren Lebenszweck offenbart hat! Und auf diese Erkenntnis und diese Köstlichkeit hat man angestoßen und sie gefeiert, auf daß sie immer und ewig bliebe!

Daß niemals Ernüchterung, nie die Zeit ohne Wunder wiederkehren möge, in der man noch nicht das Glück gehabt, sich zu kennen... Von heute an sind wir Brüder!

Nur der Hausherr konnte sich nicht enthalten, die Weihe der Stimmung zu brechen. Er hatte die Manie, bei jeder Gelegenheit von seinen Bildern zu reden, auf die er sich nicht wenig eingebildet hat. Das hat uns, obgleich wir sehr besoffen waren, gewaltig ernüchtert und wieder alltäglich werden lassen. Was mich aber nicht abgehalten hat, ihm ein paar tiefempfundene und fabelhafte Komplimente zu machen, die jeder Künstler zu seinem Glück braucht. Das hat auf ihn wie ein Koitus gewirkt. Er hat sich in eine gepolsterte Ecke fallen lassen und war allem Anschein nach süß und selig eingeschlafen. Die anderen haben sich inzwischen mit schweren Augenlidern angeblinzelt und schwankten zwischen einem schrecklichen Schlafbedürfnis und den Wonnen der Verdauung.

Ich persönlich habe mir dieses Schlafbedürfnis für die Nacht aufgespart. Die täglichen Sorgen halten einen oft genug wach, so daß man schön dumm wäre, die Gelegenheit, einen Vorrat Glücksgefühl zu sammeln, einfach zu verschlafen. Nur für die Nacht sparen, ist meine Ansicht! Übrigens waren wir zum Abendessen eingeladen, es war also Zeit, sich wieder Appetit zu machen...

Wir haben uns die allgemeine Verschlafenheit zunutze gemacht, um zu verduften. Wir haben alle einen geschickten Abgang inszeniert, vorbei an den benebelten Gästen, die um die Wirtin mit ihrer Harmonika geschart waren. Sie selbst winkte uns nur ein etwas erstauntes "Auf Wiedersehen" zu, mit ihren verträumten Augen, die durch die Musik einen feuchten Schimmer bekamen.


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