Richard Dehmel

Am Scheideweg

Ich wollt dir die Stirn küssen
und dir sagen: hab Dank!
Aber da war ein Licht in deinen Augen
wie Morgenglut auf unerklommenen Bergwäldern;
und dem haben wir folgen müssen,
schweigend.
Dichters Arbeitslied

Geh hin, mein Blick, über die grünen Bäume!
Da huscht ein Vogel, der nimmt dich mit,
Märchenvogel Edelschwarz.
Bleib nicht zu lange im Reich der blauen Träume!
Hier rasten Menschen am Straßenrand,
ihre Hände sind vom Alltag schwarz.
Bring ihnen her den Abglanz der freien Räume!
Sie möchten alle gern in ein Märchenland,
ihr Sonntagskleid ist edelschwarz.
Helle Nacht

Weich küßt die Zweige
der weiße Mond.
Ein Flüstern wohnt
im Laub, als neige,
als schweige sich der Hain zur Ruh:
Geliebte du -
Der Weiher ruht, und
die Weide schimmert.
Ihr Schatten flimmert
in seiner Flut, und
der Wind weint in den Bäumen:
wir träumen - träumen -
Die Weiten leuchten
Beruhigung.
Die Niederung
hebt bleich den feuchten
Schleier hin zum Himmelssaum:
o hin - o Traum - -
Letzte Bitte

Lege deine Hand auf meine Augen,
daß mein Blut wie Meeresnächte dunkelt:
fern im Nachen lauscht der Tod.
Lege deine Hand auf meine Augen,
bis mein Blut wie Himmelsnächte funkelt:
silbern rauscht das schwarze Boot.



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