Philippe Djian: Betty Blue (37,2 am Morgen)

Wenn man alles verstehen müßte, was im Kopf eines Mädchens vorgeht, käme man nie zu einem Ende.

Sie schrie auf vor Wut, schnappte sich den erstbesten Karton, der ihr in die Finger kam, und hob ihn über ihren Kopf. Er enthielt nichts Wichtiges, ich mischte mich nicht ein. Das Ding segelte aus dem Fenster raus. Es hörte sich an, als ging etwas zu Bruch. Ehrlich gesagt hatte ich keine Ahnung mehr, was nun genau darin war.
Zwei weitere Kartons gingen den selben Weg. Ich trank mein Glas aus. Wenn sie in diesem Tempo weitermachte, würde sie bald müde sein.

Ich fragte mich, ob ich den Tag mit einer gekonnten Bemerkung einleiten sollte oder ob es besser war, die Klappe zu halten.

Als sie [=Lisa, Bettys Schwester] aufmachte, hielt sie ein Hühnerbein in der Hand. Ich kriegte Hunger. Die beiden küßten sich überschwenglich, und Betty stellte mich vor. Ich schielte auf ein Stück goldbraun gebratener Haut, das herunterhing. Hallo Lisa, sagte ich. Ein Dobermann sprang aus der Bude und hüpfte in die Nacht. Das ist Bongo, sagte sie und tätschelte den Kopf des Tieres. Bongo sah mich an, dann sah er auf sei Frauchen und zum guten Schluß bekam er die Hühnerkeule. Ich habe schon immer gewußt, daß die Welt nur ein schlechter Witz ist.

Die Stille tropfte wie Leim in das Lokal.

Sie weinte, sie wimmerte. Ihr Bauch zuckte, als hätte sie ein lebendiges Tier verschluckt. Wir blieben eine Weile so liegen im fahlen Licht der Straße, das sich auf dem Boden wiederspiegelte, und das ganze Elend der Welt gab sich ein Stelldichein unter unserem Tisch. Ich war wie gerädert, ich hatte die Nase voll davon. Es brachte nichts, ihr zuzureden, ich hatte alles versucht, und meine Stimme hatte keine magische Gewalt. Das war eine bittere Feststellung für den Schriftsteller.

Das Ganze war wie eine kurze Reise im dichten Nebel, wenn man davon absieht, daß die dafür verantwortliche Verkäuferin eher eine Art Höllenhund war, eine Mittfünfzigerin mit Anfällen fliegender Hitze und von Dauerwellen versenkter Stirn, der Schlag Frau, der zwei- bis dreimal im Laufe eines kotzlangweiligen Lebens gebumst hat und alles daran tut, es wieder zu vergessen. Jedesmal, wenn ich meine Hand in einen Korb mit Damenunterwäsche steckte oder das Pech hatte, das Gummiband eines Slips flitschen zu lassen, versuchte sie, mich mit Blicken zu durchbohren, aber ich setzte ein Lächeln auf, als sei ich unsterblich. Als sie schließlich zu mir rüber stolzierte, war sie rot wie das Blut Christi.

Ich fühlte mich ein wenig in der Position von einem, der versucht, einem Haufen frierender Eskimos Badehosen anzudrehen, ohne auch nur ein Wort ihrer Sprache zu sprechen.

Man hatte also mein Buch zum sechsten Mal abgelehnt, und nach zwei Tagen depressiver Stimmung fand Betty allmählich ihr Lächeln ungefähr wieder. Die Bude blühte langsam wieder auf, der Fallschirm hatte sich geöffnet, und wir sanken friedlich zur Erde zurück.

Manchmal war das Leben schön, voller Überraschungen und ebenso sanft, wie es eine Frau ab und zu sein kann, für so etwas, da muß man sich stets bereithalten.

Das Leben ist voller Kleinigkeiten, die einem das Herz erwärmen, man muß nicht immer nach den Sternen greifen.

Meine Haare gefielen ihr, sie verstanden sich gut mit ihrer Hand.

Wir fuhren langsam die Hauptstraße hoch, die Seitenfenster halb runtergedreht, und die Mittagssonne war wie Erdnußbutter auf geweihtem Brot.

Ich fragte mich, ob ich mir nicht den schwersten Weg ausgesucht hatte, ob mit einer Frau zuasmmenzuleben nicht die schrecklichste Erfahrung war, die ein Mann nur machen konnte, ob das hieß, seine Seele dem Teufel zu vermachen oder sich am Ende das dritte Auge auszuhacken. Ich stürzte in Abgründe von Ratlosigkeit bis zu dem Moment, wo sich Betty im Schlaf umdrehte und sich an mich drückte, ein Hauch frischer Luft durchzog meine Seele und befreite sie von ihren dunklen Gedanken wie eine Mentholbombe den Atem von üblem Geruch.

Ihr den Slip runterzuziehen, war für mich ein Kinderspiel. Ich hielt ihn mir kurz vor die Nase, bevor ich ihn fallen ließ, o du geheimnisvolle Blume, du kleines gestreiftes Ding, deine verwelkten Blütenblätter schließen sich wieder in der Hand eines Mannes, ich habe sie für den flüchtigen Zeitraum einer Sekunde gegen meine Wange gepreßt, gegen ein Uhr in einer Nacht, es tat gut. Nach diesen Empfindungen hatte ich absolut kein Verlangen danach zu sterben.

Ja sicher, sie müßte einsehen, daß das Glück nicht existiert, daß das Paradies nicht existiert, daß es nichts zu gewinnen oder zu verlieren gibt und man im wesentlichen nichts ändern kann. Und wenn du glaubst, die Verzweiflung ist alles, was einem dann bleibt, dann irrst du dich noch einmal, denn auch die Verzweiflung ist eine Illusion. Alles was du machen kannst, das ist, dich abends hinzulegen und morgens aufzustehenm wenn's geht mit einem Lächeln auf den Lippen, und egal, was du denkst, es wird sich nichts ändern, du machst die Dinge nur noch komplizierter.

Dieses Gespräch lag ungefähr einen Monat zurück, und mir wurde klar, daß ich zu wenig Leser hatte, als daß ich es mir hätte leisten können, auch nur einen einzigen zu erwürgen. Vor allem diesen nicht, den brauchte ich noch, um das Dach fertigzukriegen. Es gab ein paar Dinge, die schaffte ich nicht allein. Die Idee hatte Betty gehabt. Sie in die Tat umzusetzen, dafür war ich da. Es ging darum, ungefähr sechs Quadratmeter vom Dachstuhl wegzupusten und durch Glas zu ersetzen.

Meine Neigungen waren schlichter. Ich brauchte nicht am Himmel zu suchen, was ich in der Hand hatte. Ich war so gut Freund mit ihrem Slipp, daß ich ihn streicheln konnte, ohne gebissen zu werden. Ich machte mir keine Sorgen, als ich einen Blick unter ihren Rock warf und sah, daß mir nur noch drei Fingerbreit fehlten.
- Menschenskind, ich seh Sternschnuppen... verkündete sie.
- Ich weiß, daß ich toll bin, sagte ich. Brauchste nicht noch zu steigern.
- Nein, ich meine RICHTIGE!!

Nichts auf der Welt kannte ich besser als Betty, ich kannte sie vielleicht zu achtzig Prozent, so ganz sicher kann man sich da nie sein, aber um diesen Dreh herum mußte es liegen. Ich kannte sie so gut, daß ich mir nicht immer sicher war, ob sie die Lippen bewegte, wenn ich hörte, daß sie mit mir sprach. Man muß zugeben, manchmal tut das Leben alles, um einen zu entzücken, und es weiß geneu, wie es einen anpacken muß. Für Typen wie mich braucht es sich nicht in große Ausgaben zu stürzen.

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