Umberto Eco: Das Foucaultsche Pendel
"Was macht sie hier?"
"Alles, leider. Sehen Sie, in jedem Verlag gibt es eine Person, die unersetzlich ist, weil sie als einzige
wiederzufinden vermag, was in dem Chaos verlorengeht, das sie anrichtet. Beziehungsweise weil man,
wenn ein Manuskript verlorengeht, dann wenigstens weiß, wer schuld ist."
"Verliert sie auch Manuskripte?"
In einem Verlag verlieren alle andauernd Manuskripte. Ich glaube, der Name
Verlag kommt genau in diesem Sinn von ›verlegen‹, das Manuskripte-Verlegen ist die
Hauptbeschäftigung. Aber man braucht schließlich einen Sündenbock, finden Sie nicht? Ich werfe
Gudrun nur vor, daß sie nicht die Manuskripte verliert, die ich gerne los wäre. Unangenehme
Zwischenfälle bei dem, was der gute Bacon The advancement of learning nannte."
"Aber wohin gehen sie denn verloren?"
Er breitete die Arme aus. "Entschuldigen Sie, aber merken Sie nicht, wie dumm die Frage ist? Wenn
man wüßte wohin, wären sie nicht verloren."
Hör mal, Jacopo, mir ist noch was Gutes
eingefallen: Zigeunerische Urbanistik."
"Schön", sagte Belbo bewundernd. "Ich dachte gerade an Aztekische Reitkunst."
"Wunderbar. Aber tust du die jetzt in die Potiosektion oder zu den Adynata?"
"Mal sehen", sagte Belbo, kramte in einer Schublade und zog ein paar Blätter heraus. "Die Potiosektion
..." Er blickte auf und sah meine Neugier. "Die Potiosektion ist, wie der Name sagt, die Kunst des
Suppeschneidens. Aber nicht doch, wo denkst du hin", wandte er sich an Diotallevi, "die Potiosektion
ist doch keine Abteilung, sondern ein Fach, wie die Mechanische Avunculogratulation und die
Pilokatabase, beide in der Abteilung Tetrapilotomie."
"Was ist Tetralo ...", fragte ich zögernd. "Die Kunst, ein Haar in vier Teile zu spalten. Diese Abteilung
enthält die Lehre unnützer Techniken, zum Beispiel die Mechanische Avunculogratulation, die lehrt die
Konstruktion von Maschinen zur Tanten- und Onkelbeglückwünschung. Wir schwanken noch, ob wir
auch die Pilokatabase in diese Abteilung einordnen sollen, das ist die Kunst, um ein Haar zu entwischen,
was ja nicht ganz unnütz ist, oder?"
"Ich bitte Sie, sagen Sie mir doch endlich, wovon Sie da eigentlich reden!" flehte ich.
"Ganz einfach, Diotallevi und ich projektieren eine Reform des Wissens. Wir planen eine Fakultät der
Vergleichenden Irrelevanz, in der man unnütze oder unmögliche Fächer studieren kann. Die Fakultät zielt
auf die Reproduktion von Gelehrten mit der Fähigkeit, die Anzahl der irrelevanten Disziplinen ad
infinitum zu steigern."
Schauen wir mal: Matthäus, Lukas, Markus und Johannes sind eine
Bande von Spaßvögeln, die sich irgendwo zusammentun und beschließen, einen Erzählwettbewerb zu
veranstalten. Sie erfinden einen Typ, legen ein paar essentielle Daten fest, und los geht's, den Rest kann
jeder frei ausgestalten, mal sehen, wer's am besten macht. Dann landen die vier Erzählungen in den
Händen von Freunden, die anfangen, sie gelehrt zu interpretieren: Matthäus ist ziemlich realistisch, aber
er insistiert zu sehr auf der Geschichte mit dem Messias, Markus ist nicht schlecht, aber ein bißchen
konfus, Lukas ist elegant, das muß man ihm lassen, Johannes übertreibt es mit der Philosophie... Aber
alles in allem gefallen die Bücher, sie gehen von Hand zu Hand, und als die vier merken, was los ist, ist
es zu spät,
Ein AEK ist ein Autor auf Eigene Kosten, und Manuzio ist eines jener Unternehmen, die man in den
angelsächsischen Ländern "Vanity Press" nennt. Enorme Gewinne und so gut wie keine Betriebskosten.
[...]
Die Exemplare würden sie Krankenhäusern oder
Gefängnissen schenken womit begreiflich wird, warum erstere nicht heilen und letztere nicht
resozialisieren.
"Der schottische Ritus ist eine deutsch-französische Erfindung. Die Londoner Großloge hatte drei
Initiationsgrade: Lehrling, Geselle und Meister. Die schottische Freimaurerei vervielfachte diese Grade,
denn viele Grade bedeuteten viele Stufen der Initiation und des Geheimnisses ... Die Franzosen mit ihrer
angebotenen Eitelkeit haben es dann auf die Spitze getrieben ..."
"Aber was war denn da für ein Geheimnis?"
"Keins natürlich. Hätte es ein Geheimnis gegeben oder hätten sie es besessen , so hätte seine
Komplexität die Komplexität der Initiationsgrade schon gerechtfertigt. Doch Ramsay multiplizierte die
Grade, um glauben zu machen, daß er ein Geheimnis besitze. Und wir können uns vorstellen, wie die
braven Kaufleute bebten bei dem Gedanken, sie könnten endlich die Fürsten der Rache werden ..."
Ich gehe über die Kreuzung. Jetzt höre ich nur das Geräusch meiner Schritte. Vorteil der großen Städte:
du gehst ein paar Meter und bist allein.
Und wir sind hingegangen, um ihre Begierde zu wecken, um ihnen ein Geheimnis anzubieten, das leerer
nicht sein konnte, denn wir kannten es nicht nur selber nicht, wir wußten auch, daß es falsch war.
Zurück zur Homepage