Laura Restrepo: Der Engel an meiner Seite


"Diesmal hat uns der Engel im Stich gelassen", sagte er resigniert.
"Wieso, er ist doch aufgetaucht und war glanzvoll?"
"Ja schon, aber er hat nichts gemacht."
Ich meinte, seine Bemerkung zu verstehen. Damit ein Mann begeistert ist, müssen Dinge geschehen, während es einer Frau genügt, daß die Dinge einfach da sind.


Weib, das du dich mir näherst, versuch nicht herauszufinden, wie ich heiße. Für dich bin ich der Engel ohne Namen: Weder kann ich ihn dir sagen noch, könntest du ihn aussprechen.

Ich wußte, du würdest von unten kommen, es stand geschrieben, daß die Stadt dich zu mir schicken würde, ,und ich habe dich erwartet. Mit der Sehnsucht der Erde, die in ihrem dunklen Vorgefühl auf die rettende Helligkeit der Sonne wartet, so habe ich auf dich gewartet. Und jetzt, wo du hier bist, erkenne ich dich nicht.

Ich suche mich dir zu nähern, ich strecke die Hand aus, um dich zu berühren. Aber deine Haut ist Flamme und verbrennt mich, ich weiß den stechenden Schmerz der Berührung nicht zu ertragen. Sag nichts zu mir, sieh mich nicht an. Deine Worte betäuben mich, und dein Blick bohrt sich unerträglich in meine Augen.

Doch geh nicht fort. Große Nähe erstickt mich, großer Abstand bringt mich um. Ich sehe dein lockiges Haar auf der anderen Seite der Scheibe, eine Mähne, die flattert und deine Seite des Raums ausfüllt. Mich erschreckt dein unbegreiflicher Körper, ich fliehe vor deinen Händen, die mich packen wollen, aber die blonde Wolke deines Haars ruft mich freundlich, sie lädt mich ein, die Kälte zu verlassen und in die Musik ihres gelben Festes einzutauchen. Dein Haar erschreckt mich nicht, denn es ist ein Fortsatz von dir, es hat dich bereits verlassen und gehört dir nicht mehr, es leistet mir Gesellschaft, aber hält mich nicht fest, es berührt mich, aber verbrennt mich nicht. Ich fasse dein Haar an und verspüre keinen Schmerz.

Beharre nicht darauf zu erfahren, wie ich heiße. Vielleicht habe ich keinen Namen, und wenn doch, so ist er vielfältig und ändert sich. Mein Name, meine Namen: scheu, irrig, voller Anklänge. In deiner Welt gibt es keine Ohren, die seine Schwingungen empfangen, keine Trommelfelle, die bei seinem Klang nicht bersten.

Versuche nicht, mit mir zu sprechen: Deine Worte sind nur Lärm. Sie dringen als Bruchstücke zu mir, spitze Scherben eines zerbrochenen Glases. Sie verletzen mich, so daß ich blute, und sagen mir nichts.

Versuche nicht, mich zu lieben: Deine Liebe richtet mich zugrunde.

Sei nicht darauf aus, von mir geliebt zu werden. Ich bin nicht von hier, ich bin nicht hier, ich versuche anzukommen und kann nicht.

Mich peinigt deine Gegenwart: Sie wiegt zu schwer. Dein Gewicht zerbricht meine Flügel und entfesselt meine Ängste.

Dein Haar hingegen empfängt mich heiter, und in ihm niste ich mich ein. Seine Sonnenfäden kitzeln mich, bringen mich zum Lachen. Lauf nicht fort. Rühr mich nicht an, komm mir nicht so nahe, aber geh nicht weg. Hab unendliche Geduld mit mir, denn unendlich ist die Zahl der Tage, die ich auf dich gewartet habe.

Nimm mich auf in dein Haar, diesen Umhang aus Wolle, diese Flucht von Schafen über Wiesen aus Licht. Erlöse mich von meiner zweideutigen Existenz, von dem Schleier, der auf mir liegt. Bereinige dieses trübe Gemisch aus Fernsein und Schweigen, das sich an meine Sinne heftet und sie benebelt, das in mein Innerstes dringt und mich erstickt. Möge mich der warme Strom deines Haares bekleiden und nicht die Schatten.


"Weißt du, was die Erzbischöfe mit Engeln anstellen, die auf die Erde herabsteigen und den Frauen schöne Augen machen? Sie rupfen sie und stecken sie in den Suppentopf. So ist das."


Zurück zur Homepage