H. M. Enzensberger
Die Geschichte der Wolken
...
Wir, die wir uns ängstlich fragen,
wie wir wieder herunterkommen
mit unseren lachhaften Luftschiffen,
schwerfälligen Blechschachteln,
dröhnend vor Nervosität
dagegen diese riesenhaften Nomaden
wüstenscheu wandern sie, leicht,
lentissimo maestoso,
über den Erdboden hin,
lassen sich treiben, gelassen,
und manchmal versammeln sie sich
zu Palavern, die schweigend verlaufen.
Dann wieder wehen sie auseinander,
und langsam verdunsten sie in der Höhe,
bis nur noch eine einzige, klein
wie eine sehnsüchtige Erinnerung,
weiß am Himmel verweilt.
...
Eine Minute lang nicht hingeschaut,
schon sind sie da, plötzlich, weiß,
blühend ja, aber wenig handfest -
ein wenig Feuchtigkeit, hoch oben,
etwas Unmerkliches, das auf der Haut
hinschmilzt; rasanter Übergang
von Phase zu Phase - schön und gut.
Doch auch die Physik der Wolken
hat nicht alles im Griff.
Im Zweifelsfall "nimmt man an",
"ist der Auffassung". Schleierhaft,
diese Regengallen, Fallstreifen,
Lichtsäulen, Halos. Weiß der Himmel,
wie sie es machen. Eine Spezies,
vergänglich, doch älter als unsereiner.
Nur daß sie uns überleben wird
um ein parr Millionen Jahre
hin oder her, steht fest.

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