Der Drachentöter
oder warum nicht alle Jungfrauen von Drachen gefressen werden
Von Ernst Wurdack (16.11.98)



"Ha, endlich hab' ich dich gefunden!"
Das Monstrum drehte seinen kantigen Schädel in meine Richtung und das Rascheln der grünen Schuppen jagte mir einen Schauder über den Rücken.
"Ja und?"
"Was ja und?" Ich hatte zumindest erwartet, daß mich das Scheusal giftig anfauchte, mir seinen stinkenden, feurigen Atem entgegen schleuderte oder mich sonstwie angriff. Dagegen war ich gewappnet. Aber ein billiges 'Ja und?'.
"Du hast mich gefunden, und?" Gelangweilt stocherte es sich einige Knochensplitter und Kleidungsfetzen aus den unterarmlangen Zähnen. Dann folgte ein langgezogenes Grunzen und schließlich spuckte es mir noch einen wohlbekannten Schild entgegen.
"Scheusal, du hast meinen Lehrmeister gefressen!"
"Ja und?"
"Ja und, ja und, ja und!"
"Ich bin ein Drache. Was hast erwartest du denn?"
"Daß du ihn tötest!"
"Hab ich." Er spie mir einen zerkauten Helm vor die Füße. "Und dann hab' ich ihn gefressen."
"Aber Drachen fressen Jungfrauen!"
"Natürlich."
"Aber keine Drachentöter!"
"Wer sagt das?"
"Äh?"
"Möchtest du dein ganzes Leben lang immer nur Hühnchen fressen?"
"Menschen essen!"
"Sag, möchtest du?"
"Nein, natürlich nicht."
"Siehst du! Und darum hab ich ihn gefressen." Er rülpste genüßlich und grauer Rauch kräuselte sich aus seinen Nüstern empor. "Jungfrauen, jahrein, jahraus, immer nur Jungfrauen."
"Ich liebe Jungfrauen!"
"Kann ich mir vorstellen. Du als Mann!"
"So hab' ich das nicht gemeint!"
"Ach komm, vor mir brauchst du dich nicht verstellen." Er grinste über seine ganze garstige Fratze und geiferte lüstern.
"Warum?"
"Ich bin ein männlicher Drache!"
"Aha."
"Übrigens, er hat sich wacker geschlagen, dein Lehrmeister." Er rollte sich zur Seite, ringelte seinen Schweif ein, und legte seinen Kopf gemütlich auf seine vorderen Tatzen. "War einer der besten."
"Der Allerbeste!"
"Und was hat es ihm genützt?"
"Nichts."
"Siehst du."
Langsam stieg eine brennende Wut in mir hoch. Ich war doch nicht den ganzen Weg hierher gekommen und hatte all die Strapazen auf mich genommen, nur um mit dieser Bestie zu diskutieren. Ich würde ihn zur Strecke bringen, jetzt und sofort. "Kämpfe, du Scheusal!"
"Nein."
"Was soll das heißen?"
"Nein!"
"Und warum nicht? Drachen kämpfen nun mal mit Drachentötern."
"Eher umgekehrt, und es bleibt bei meinem Nein!"
"Du Feigling! Warum nicht?"
"Erstens, weil du nicht einmal den Hauch einer Chance gegen mich hast."
"Das wollen wir doch mal sehen!"
"Hat dein Lehrmeister auch gesagt."
"Und zweitens?"
"Weil ich satt bin. Also geh' mir nicht auf die Nerven und komm' in ein paar Wochen noch mal vorbei!"
"Nein!"
"Ah, du hast es dir anders überlegt. Sehr klug, wenn du nicht als Drachenfutter enden willst."
"Ich habe damit gemeint, ich will mit dir kämpfen. Und zwar jetzt gleich!"
"Nein!"
"Doch!" Was machte dieses Untier da für eine komische Bewegung mit der Kralle?

Mit gelangweiltem Gesicht schnippte der Drache seinen Widersacher gegen die Felswand. Dieses Gespräch hatte ihn sowieso angeödet.
"Pah, Drachentöter!"


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