Zitate aus Freigang von Ulrich Woelk


Schreiben, sagte ich, ist auf Dauer keine sinnvolle Beschäftigung für einen Physiker, weil sich die Präzision der Sprache nicht beliebig steigern läßt. Einfache Vorgänge können sie noch mit einem vertretbaren Aufwand an Sprache hinreichend exakt beschreiben, aber wenn die mitzuteilenden Sachverhalte einen gewissen Komplexitätsgrad überschreiten, stehen Aufwand und Effekt in keinem Verhältnis mehr. Das heißt, Literatur ist etwas für Leute, die Zeit zuviel haben.

Kennenlernen in Kneipen: Man sitzt und redet: hört man für einen Moment statt auf den Klang der Worte auch auf ihren Sinn, stellt man fest, daß man widersprechen könnte, statt dessen nickt man uneingeschränkt. Ansonsten sagt man das, was man auswendig hat.

Meine Aversion gegen Astrologie, gegen Aberglauben allgemein, hat mit den Ereignissen in Italien nichts zu tun. Astrologie ist mir zuwider und war es schon immer: ich habe nicht einmal Lust ein Für und Wider zu erwägen. Unsinn sollte nicht durch Diskussion aufgewertet werden. Unter naturästhetischen Gesichtspunkten beeindruckt mich ein ungetrübter Sternenhimmel auch, dazu brauche ich ihn mir nicht als Nachschlagewerk in ungeklärten Lebensfragen vorzustellen.

Erwartung: Ich erwarte Ereignisse, um deren Eintreffen ich weiß. Zufälliges zu erwarten, hieße, einen Wunsch an die Natur heranzutragen. Die Natur erfüllt keine Wünsche.

Ahnung. Ahnungen sind Vorstellungen, dessen, was passieren könnte, und da ungeheuer viel passieren kann, sind die meisten Ahnungen Makulatur: Man vergißt das Befürchtete, froh, daß es nicht eingetreten ist. Aber wehe, es tritt ein! Dann erzählt man jedem, der es hören oder nicht hören will, daß man es bereits vorher gewußt habe; also Ahnung als Eitelkeit des alltäglichen Vorstellungsvermögens. Was Wunder, daß Aberglaube entsteht.

Vor kurzem hat sie mir gestanden, daß sie die Schreibmaschine anfänglich für einen Tick meinerseits gehalten habe, der sich spätestens im Verlaufe einer Woche wieder lege. Sie habe den Patienten auf Wunsch und nach Zustimmung durch die A#rzte schon Blechspielzeug, Poesiealben und Gummibärchen gebracht.
Ich bin kein Gummibärchen-Patient; ihr Vergleich hat mich gekränkt.

Ich stelle fest, daß ich diese ganze Überlegerei um Motive, Hintergründe, Taktiken, Reaktionen, Gefahren leid bin. Ich bin es gewohnt, daß Nachdenken in akzeptabler Zeit zu verwertbaren Ergebnissen führt; die Relation zwischen Aufwand und Effekt mü gewahrt bleiben. Gedanken, die diese Forderung nicht erfüllen, gehören in den Bereich der Spekulation. Naturgesetze werden nicht spekuliert, sondern formuliert.

Und zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen, fragte ich und bemühte mich um einen ironisch-abfälligen Unterton.
Sehr einfach, sagte er. Daß eine psychische Fehlfunktion als Ursache Ihrer Aussagen mit hundertprozentiger Sicherheit auszuschließen sind, daß Sie psychisch kerngesund sind, abgesehen von Macken und Kleinneurosen, die wir alle so haben.
Wenn keine psychische Fehlfunktion Ursache meines Geständnisses war, sagte ich laut, was war es denn?
Er zuckte mit den Schultern: Sie sind ein Mörder.

Und worum geht's, frage ich. Naturlyrik?
Schwer zu sagen. Ließen sich Gedichte auf einem Fest erzählen, brächte man sie nicht zu schreiben. Im Grunde geht es mir um Realität. Ich bin Realist. Merkwürdigerweise steht dies für viele Leute im Widerspruch zum Dichten, aber ich sehe im Gedicht die einzige Möglichkeit, Realität zu fassen; auch die Realität fühlt sich schließlich durch keinen Kodex daran gebunden, dem Menschen verständlich zu sein.
Auch die Reihenfolge der Lottozahlen ist unverständlich, abr doch kein Gedicht, sage ich.
Für die Gewinner ist sie es, sagt er und lächelt wie einer dieser Gewinner.


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