Wilhelm Genazino: Ein Regenschirm für diesen Tag


Vor ungefähr fünfzehn Jahren stellte ich mir einmal vor, daß links und rechts meines Sterbebettes je eine halbnackte Frau sitzen sollte. Ihre Stühle sollten so nah an mein Sterbelager herangerückt sein, daß es mir leichtfiele, mit den Händen die entblößten Brüste der Frauen zu berühren. Ich glaubte damals, mit dieser körperlichen Besänftigung würde mir die Zumutung des Sterbens besser bekommen. Fast jeden Tag habe ich mir überlegt, welche von den mir bekannten Frauen ich vorsorglich fragen sollte, ob sie, wenn es soweit ist, zu diesem Sterbedienst bereit wären. Ich erinnere mich, daß ich es damals am besten fand, zunächst Margot und Elisabeth zu fragen.
Beiden Frauen war es, wie soll ich sagen, schon zu Liebeszeiten möglich, mich auf vollkommen untätige Weise zu besänftigen, und zwar nur dadurch, daß ich sie anschaute und gelegentlich berührte.


Zum zweiten Mal verlasse ich an diesem Tag die Wohnung, weil ich den Narrheiten meines Kopfes anders nicht entkommen kann. Aber du kannst nicht immer ein Ablenkungsleben führen, sage ich halblaut zu mir selber. Es muß für dich auch noch eine andere Leidenschaft geben als immer nur die Verschwindsucht. Dabei ist es schon halbwegs angenehm, meinen eigenen Beschimpfungen zu lauschen. Denn das süße Gift, das in ihnen steckt, macht mich gleichzeitig zum Gegenteil eines Beschimpften. Es ist die ebenfalls in ihnen steckende Übertriebenheit, die mich gleichzeitig wieder freispricht. Ich sage du alter Hottentotte nein Hosentrottel nein Trottelhose zu mir und muß über die Zärtlichkeit meiner Selbstverhöhnung schon wieder lachen. In gewisser Weise macht mich dieser frühe Nachmittag unangreifbar. Ich fühle die Zerbröckelung beziehungsweise Verflusung in mir, amüsiere mich gleichzeitig über sie und kann mir nicht recht böse sein.


Zu uns kommen Menschen, antworte ich unsicher und gleichzeitig routiniert, die das Gefühl haben, daß aus ihrem Leben nichts als ein langgezogener Regentag geworden ist und aus ihrem Körper nichts als der Regenschirm für diesen Tag.


Prompt fliegt eine kleine Schwermut heran, die ich jetzt über die Brücke trage. Ein ebenso kleiner Schmerz kaspert in mir herum und sagt: Du mußt deinen Vorteil suchen und das Angebot annehmen. Mit dem Schmerz werde ich fertig, aber gegen die Schwermut muß ich etwas tun. Sie tänzelt vor mir her und will mit mir anbändeln. Ich gebe ihr den Namen Gertrud, damit ich sie wirkungsvoller verhöhnen kann. Gertrud Schwermut, hau ab. Prompt stellt sie sich vor: Gestatten, Gertrud Schwermut, darf ich Sie ein bißchen herunterziehen? Hau ab, wiederhole ich. Sie verschwindet nicht, im Gegenteil, sie faßt mich an, ich spüre ihre schwarze Wärme. Vermutlich denkt sie, sie hätte mich im Griff. Sie drängt mich zum Brückengeländer hin, ich sehe auf das dunkle Wasser hinunter. Wie wärs mit einer Trennung vom Leben, fragt sie, wegen erwiesener Geringfügigkeit? Ich kenne diese Fragen, sie machen mich stumm. Gertrud redet auf mich ein wie ein schwer erziehbares Kind. Und doch ist sie ein bißchen verärgert, weil ich wieder nicht alles tue, was sie von mir verlangt. Eine halbe Minute kämpfe ich mit Gertrud Schwermut auf der Brücke, dann merke ich, es sind ihre Kräfte, die nachlassen, nicht meine. Den Mann mit dem Schaufelgang habe ich während des Fights mit Gertrud leider aus den Augen verloren. Ein Lieferwagen einer Glaserei fährt langsam vorüber. Auf einem Gestell auf der Ladefläche sind zwei hohe Schaufensterscheiben eingespannt. Ich wünsche mir, statt meiner sollen die beiden Schaufensterscheiben zerbersten und dann auf die Straße fallen, sofort. Aber dann fühle ich, derartig heftige Wünsche sind nicht mehr nötig. Gertrud Schwermut ist überwältigt, jedenfalls diesmal.


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