Ulla Hahn

Zu schwer

Bleib bei mir als wärst Du
lang für mich da
laß wachsen dein weißes
in meinem Haar
Lieb mich als ob
das gut für dich wär'
als gäben wir
Leben um Leben her
Ertrag mich als trügest
du nicht zu schwer
behüt mich als ob
ich verloren wär'.
Anständiges Sonett

Komm beiß dich fest ich halte nichts
vom Nippen. Dreimal am Anfang küss
mich wo’s gut tut. Miss
mich von Mund zu Mund. Mal angesichts

der Augen mir Ringe um
und lass mich springen unter
der Hand in deine. Zeig mir wie’s drunter
geht und drüber. Ich schreie ich bin stumm.

Bleib bei mir. Warte. Ich komm wieder
zu mir zu dir dann auch
›ganz wie ein Kehrreim schöner alter Lieder‹.

Verreib die Sonnenkringel auf dem Bauch
mir ein und allemal. Die Lider
halt mir offen. Die Lippen auch.

Lesen ist Musik spielen und hören zur selben Zeit. Lesen Sie laut! Nehmen Sie das Gedicht in den Mund. Öffnen Sie ihm Augen und Ohren, Verstand und Gefühl. Erfahren Sie die Sinnlichkeit des Sprechens, der Sprache; lassen Sie sich mit dem Klangkörper Gedicht auch selbst körperlich ein.

Einmal gedruckt, gehören Gedichte nicht mehr dem, der sie schrieb. Sie gehören denen, die sie lesen, die sie brauchen.

Ulla Hahn, Vorwort aus "Gesammelte Gedichte".

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