Elke Heidenreich
Alles kein Zufall

  FRAGE

Zwei junge Männer in der Straßenbahn, folgender Dialog:

Gehst du noch immer mit der scharfen Französin?"

"Nein. Sie hat die falsche Frage gestellt."

"Welche?"

"Was denkst du."

  GLÜCK

Alle wollen immer glücklich sein. Was ist Glück, und warum ist es so erstrebenswert? Die polnische Dichterin und Literaturnobelpreisträgerin Wiszlawa Szymborska hat ein Gedicht über, nein, eigentlich gegen die glückliche Liebe geschrieben: Glückliche Liebe, fragt sie, wozu braucht man das, die Glücklichen sind doch nur mit sich selbst beschäftigt, die sehen die Welt doch gar nicht? Was wir brauchen, das sind die Unglücklichen, die Sensiblen, die Durchlässigen.

Auch mir war sogenanntes Glück immer tief verdächtig. Ich war nie dauerhaft glücklich, hatte aber überwältigend glückliche, kostbare Augenblicke in meinem Leben, wie Perlen, und aus vielen solcher Augenblicke fädele ich mir die schönste Perlenkette auf.

Mein Unglücklichsein aber war und ist die Quelle aller Kreativität, was ich schreibe, was ich denke – es kommt immer aus Ecken, wo es dunkel ist und weh tut.

Robert Walser schrieb mal an Carl Seelig: "Das Glück ist kein guter Stoff für Dichter. Es ist zu selbstgenügsam. Es braucht keinen Kommentar. Es kann in sich zusammengerollt schlafen wie ein Igel. Dagegen das Leid, die Tragödie und die Komödie: sie stecken voll von Explosivkräften. Man muss sie nur zur rechten Zeit anzünden können. Dann steigen sie wie Raketen zum Himmel und illuminieren die ganze Gegend."

  HOTEL II

Hinweis in einem New Yorker Hotelzimmer:

"Wenn Sie bei uns nicht schlafen können, schimpfen Sie nicht auf unsere bequemen Betten, sondern prüfen Sie erst einmal Ihr Gewissen."

  LAMPIONS

Am 30. April feierte Holland früher den Koninginnedag. Königin Beatrix’ Geburtstag wurde vom kalten Januar ans Aprilende verlegt und mit orangefarbenen Torten, Fahnen, Lampionumzügen der Kinder immer am 30. April gefeiert.

Ich war in Holland, in einem kleinen Ort. Ich machte abends einen Spaziergang und geriet in diesen Fackelzug, ähnlich unseren deutschen St.-Martin-Umzügen im November. Kinder und Eltern hielten Laternen mit kleinen Lichtern, sangen, zogen über Deich und Marktplatz. Ich zog mit und wurde von einer mir schier den Atem nehmenden Traurigkeit überwältigt. Die Laternen, der Gesang, die Kindheit stieg hoch, meine einsame Kindheit ohne richtige Familie, nie hatte ich eine Laterne, nie war ich bei den Umzügen dabei, meine Mutter mochte all so etwas nicht, und es war, als würde jetzt nach sechzig Jahren der Kummer aus mir herausbrechen. Diese Stimmung, so ruhig, so liebevoll, so friedlich und arglos, löste ein heftiges Weinen in mir aus, einen lauten Schluchzer, Tränen.

Da ließ ein kleines Mädchen die Hand seiner Mutter los, kam zu mir, nahm meine Hand und gab mir in die andere seine rot-gelbe Laterne. Wir gingen zusammen, und ich weinte all meinen Kinderkummer aus mir heraus, und das kleine Mädchen hat das alles verstanden.

  NIETZSCHE

Wie verzweifelt muss dieser Mann gegen Ende seiner geistigen Klarheit gewesen sein, dass er dann in die alles sanft umhüllende Nacht fiel!

Die Dithyramben schrieb sich Friedrich Nietzsche kurz vor seinem endgültigen geistigen Verfall, 1888, und im Vortext dazu: "Dies sind die Lieder Zarathustras, welche er sich selber zusang, dass er seine letzte Einsamkeit ertrüge."

Ich bin nur ein Narr, klagt er, nur ein Dichter! Und: "Weh dem, der Wüsten birgt!" Die Wüste in ihm wuchs, das Dunkle, das Instinkthafte.

Und er unterschrieb mit Dionysos, das war der Jüngste der griechischen Götter – der Gott des Weines, der Freude, der Ekstase. Und er sagte: Es muss mit Blut geschrieben sein.

Weh dem, der Wüsten birgt. Und wehe, wenn Gott und Mensch zusammenstoßen.

Und ich denke: Im Meer der Unsicherheiten des Lebens gibt es nur eine Straße, der man blind folgen kann: die der Kultur.

"Durch die Kunst", sagt Jean-Luc Godard, "ist es uns möglich, uns umzudrehen und Sodom und Gomorrha zu sehen, ohne daran zu sterben."

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