Robert Gwisdek - Der unsichtbare Apfel
(5)
Für einen unendlich kurzen Moment war Igor weder eine Welle noch ein Teilchen. Kein Lichtfleck war mehr vorhanden, kein Geräusch, kein Gefühl, kein Wort, kein Druck, keine Leichtigkeit. Keine Zeit. Sobald Igor sich dessen bewusst wurde, kippte der Raum und wurde in ein tiefes Schwarz gesogen. Von da zerstob er in tausend Formen, Farben und Klängen. Igor schleuderte durch Trilliarden von Eindrücken und wurde sich seiner erst wieder vollkommen gewahr, als er bemerkte, dass er in einem Wartezimmer saß.
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Er schaute sich um und blinzelte. Blass und fahl klebte die Tapete an der Wand. Der Stuhl, auf dem er saß, war aus lederbespanntem Metall und ein Wasserspender stand in der Ecke und sirrte leise. Nachdem Igor eine Weile gesessen und nichts gedacht hatte, dachte er plötzlich etwas. »Dies ist das Wartezimmer aus meinem Traum«, sagte er, als er erkannte, dass dies das Wartezimmer aus seinem Traum war. Der Traum, der ihn so ängstigte, der keinen Sinn zu haben schien. Der Traum, der sein Verständnis von Zeit veränderte, obwohl er nichts weiter war als eine Collage aus Sinnlosigkeit, ein Bildschlamm aus dem Magen eines Fiebernden. »Schön!«, sagte Igor gut gelaunt. Er sprang auf, fuhr mit der Hand über die Tapete und fühlte ihre raue Oberfläche. »Warum nicht?«, rief er, drehte sich um und trat gegen den Stuhl, auf dem er bis eben noch gesessen hatte. »Warum denn nicht!«, wiederholte er und riss den Wasserspender um, sodass er aus seiner Halterung fiel. Aus Leibeskräften schrie er dem auslaufenden Wasser entgegen: »Klar! Vollkommen klar!« Igor nahm den Stuhl und schlug mit voller Wucht auf das Wasser ein. Dann warf er den Stuhl gegen eine Wand und trat mit dem Fuß sein Sitzleder ab. Währenddessen brüllte er: »Ich verlange zu sehen! Zeige mir, was es bedeutet! Gib mir ein einziges Wort, das sich auf dich reimt, und ich lasse dich in Ruhe. Aber sprich zu mir! Sprich zu mir! Ich bin ein Teil von dir! Ich bin aus dir gewachsen! Also antworte, wenn ich mit dir rede, oder ich schwöre, ich zerhacke dich in Stücke, bis keine deiner Fasern mehr zueinanderpasst. « Igor fühlte wieder die Klinge in seinem Magen aufglühen. »Ich verlange zu sehen, Welt – also zeig mir, wie es geht! Warum bin ich hier und weshalb ist es, wie es ist?« Er presste die Augen zusammen und versuchte so still zu sein, wie es ihm möglich war. Mit aller Kraft, die ihm innewohnte, lauschte er und wartete auf eine Antwort. Und nachdem er eine lange Zeit so gestanden hatte, hörte er die Welt zum ersten Mal antworten. »09182736455463728190«, sprach sie sanft.

»Ich verlange zu sehen.«
Die Welt schwieg.

»Und so wiederhole ich mich ein weiteres Mal: Ich verlange zu sehen. Zeige mir, wo ich mich befinde und wie ich hierhergelangt bin. Ich bin in einem bizarren Labyrinth gefangen, dessen Regeln abstrus und traumartig sind, und du wirst mir helfen herauszufinden. Ich nehme dich als Geisel, Welt. Du denkst, ich bin, weil du bist. Aber du irrst, Welt. Du bist, weil ich bin. Hilf mir. Ich verlange es.«
Ruhig sprach die Welt: »09182736455463728190 = 2 × 0123456789.«
Die Beine gewetzt, durch Holz und Gestrüpp,
über Hügel und Wiese und Bach.
Durch Nässe und Kälte und Wind musst du gehen,
wenn die Städte zerfallen, wenn die Städte verwehen,
denn nichts gehört uns und uns gehört nichts,
drum tanze und singe und lach.
Tag 41
Es ist vielleicht möglich, Trauerweiden aus der Erde zu graben und rückwärts wieder einzupflanzen, sodass aus den Wurzeln Blätter wachsen und aus den Ästen Wurzeln werden. Aber warum sollte man so etwas als Baum können sollen? Wahrscheinlich weil es immer Menschen geben wird, die so etwas mit einem machen.
Tag 48
Ein für alle Mal: Lass von mir ab! Es ist genug. Mein Abstraktionsvermögen zerteilt dich in gleichmäßige Würfel aus Farbe und Klang, bevor du Struktur sagen kannst! Dies ist ein Friedensangebot!
Der Vorderste hielt versunken einen langen Stab nach oben, mit dessen Ende er eine fein gearbeitete Porzellanvase an die stuckverzierte Decke drückte.
»Warum lassen Sie den Stab nicht einfach los?« Der Mann sah Igor an, als hätte er eine offensichtliche Dummheit ausgesprochen. »Ich kann ihn nicht loslassen, weil sonst die Vase herabfällt«, sagte er, als würde er mit einem Fünfjährigen reden. »Seit wann müssen Sie die Vase denn schon hochhalten?« Seine kühle Verbissenheit verschwand und er sprach nicht ohne Stolz: »Lange.« Igor nickte anerkennend und kratzte sich am Kopf. »Kam Ihnen niemals der Gedanke, dass es vielleicht besser wäre, die Vase einfach zerbrechen zu lassen und zu gehen?« Der Mann schien erschrocken. »Nein.« »Warum nicht?« »Weil die Vase dann kaputtgeht. Sie gehört nicht mir, sie gehört meinem Stamm. Ich habe kein Recht, sie fallen zu lassen. Ich habe diesen Stab von meinem Vorgänger überreicht bekommen und der wiederum von seinem Vorgänger. Ihr ganzes Leben haben sie darauf verbracht, ihn zu halten.« »Aber warum?«, fragte Igor. Der Mann wurde nervös. »Sie wussten, dass der Inhalt der Vase von immenser Wichtigkeit ist.« Igor lachte. »Aber wenn diese Vase und ihr Inhalt von so großer Wichtigkeit sind, warum ist sie dann dort oben an der Decke? Niemand wird einen Nutzen aus ihr ziehen können.« Verschwörerisch und mit einem Schimmern in den Augen sah der alte Mann Igor an. »Weil es der höchste Punkt des Raumes ist«, sagte er bestimmt.

»Dies ist nun meine Verantwortung, geh und sei frei. Du hast keine andere Wahl.«
»Mögen Sie Kreise?«
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