Ausschnitte aus Infanta von Bodo Kirchhoff


Der Priester besaß einen Blick für Menschen und Wolken; dieser Mann hatte etwa seine Größe und käme gleich in einem kurzen, aber sintflutartigen Guß.

"Unterbrechen Sie nicht. Ich will Ihnen einige Wahrheiten sagen, ehe Sie die Dinge mit eigenen Augen sehen und falsche Schlüsse ziehen. Erstens: Das Militär ist neutral, wir sind Berufssoldaten. Zweitens: Wir führen hier einen Krieg gegen die sogennante Volksarmee, gegen die eigenen Landsleute. Und das ist nicht einfach; man kann die eigenen Leute immer nur mit einem gewissen Erbarmen erschießen. Die Brutalität fällt uns schwerer, als allgemein behauptet wird. Drittens: Wir töten nur, damit das Töten irgendwann aufhört. Als Soldat erwirbt man natürlich Sicherheit beim Töten, aber die selbstherrliche Austeilung des Todes ist ein Merkmal unserer Gegner."

Unser deutscher Gast - er hatte sich am Abend zum ersten Mal außer Haus gewagt - stieß etwas später dazu, und dann war Lebendiges bei Lebendigem, wie man vermuten darf. Lange Zeit hörten wir nichts und endlich einen Laut, der durchaus zum Ruhme der Schöpfung beitrug. Mit anderen Worten, Mayla ist zur Frau geworden, die beiden sind ein Paar, sie schlafen zusammen, und das bei uns. Wir beten, dies möge gutgehen. In Christo, McEllis.

Kurt Lukas stieg in den Wagen; er schaute sich um und sah die Priester vor ihrer erhellten Veranda, alte Fünflinge, eine Hand in Augenhöhe, winkend. Kein Segen war das und kein Abschied, eine Bewegung dazwischen, wie Sterbende und Neugeborene sie machen.

Kennst Du die Geschichte von Menschen, die mit Phosphor bespritzt sind? Sie müssen bis zur Nase unter Wasser sein. Sobald sie auftauchen, brennen sie. Dieses Wasser ist mein Brief. Solange ich schreibe, denke ich, was ich will. Ich liebe Dich, da steht es.

Tag und Nacht trennte der Menschenkeil die Verbände der Meuterer von regierungstreuen Truppenteilen. Jeder Schußwechsel hätte ein Blutbad bedeutet. Schauplatz der Nervenprobe war ein erhöhtes Straßenstück, das über Schwemmland und Elendsgebiete führte, für die Berichterstattung nicht ungünstig. Natürlich mußte noch etwas getan werden. Lichtmasten wurden errrichtet, Leitungen verlegt, Aborte installiert, Unterstände und Plattformen gabaut; beide Parteien waren behilflich. Nur mit vereinter Kraft konnte die Übertragung beginnen, wenn das Gemetzel begann.

"Erzähl mir von Rom", flüsterte Mayla.
"Von Rom? Ich wohne da, was soll ich erzählen; das Beste an Rom ist der Sommer."
"Dann erzähl von diesem Sommer."
"Sobald es wärmer wird, häufen sich die falschen Alarme. Wenn sich nachts junge Pärchen über Autos beugen und die Diebstahlsirenen auslösen. Sind die Pärchen älter, haben sie ihr eigenes Auto. Das erste Schlafzimmer einer Römerin ist das Auto eines Freundes, das zweite ist das eheliche, das dritte wieder ein Auto, das des Geliebten. Von Rom erzählen heißt von Licht und Autos erzählen."

"Ich stehe vor diesem Bild - vor guten Bildern soll man nicht sitzen - und denke an nichts. Das Bild beschäftigt mich, aber ich beschäftige mich nicht mit ihm. Verstehst du das?"

In Italien versuchte man jetzt mit allen Mitteln, der Nudel das Behäbig-Nationalgerichthafte zu nehmen. Nudelwerbung, das war Casablanca in zwanzig Sekunden. Geheimnisvolle, leicht übernächtigte Frauen bereiteten sozusagen halbseidene Fettuccinis und Spaghettinis, und ihre Männer, die von bestandenen Abenteuern heimkehrten, kosteten dann diese in Blues gewälzten und über Spitzenwäsche abgetropften Teigwaren und lächelten dazu aus den Augen, das waren Pasta-Rollen.


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