Jilocasin


Während der Regentschaft von Karl dem Großen lebte in der Gascogne ein alter und weiser Drache namens Jilocasin. Jilocasin war ein Poet. Bisweilen verließ er seine komfortable und geräumige Behausung, nahm Menschengestalt an und besuchte den Hof des Königs. Dort war er ein wohlbekannter und angesehener Troubadour. Er machte das Beste aus seinen kurzen Aufenthalten, trug seine Verse vor und lauschte den Werken anderer Poeten. Dann kehrte er wieder zurück in die Gascogne, wo er in Ruhe dichten und ein friedliches Leben weitab vom Trubel der Welt führen konnte. Als er eines Tages wieder einmal in Menschengestalt durch die Wälder der Gascogne streifte, hörte er einen verzweifelten Hilferuf. Er verlor keine Zeit, rannte in die Richtung der Schreie und erblickte eine Frau, die sich verzweifelt gegen einige Räuber zur Wehr setzte. Jilocasin verwandelte sich zurück in einem Drachen und hatte die Angelegenheit somit schnell erledigt. Die Frau war von ihren Verletzungen ohnmächtig geworden. Jilocasin lud sie auf seinen Rücken und flog mit ihr zurück in seine Behausung.

Jilocasins Diener kümmerten sich um die Frau, deren Kleider - obgleich zerrissen und schmutzig - auf eine Dame von Rang hindeuteten. Als sie das Bündel öffneten, das die Frau an ihre Brust gepreßt hielt, entdeckten sie ein friedlich schlummerndes, nur wenige Wochen altes Baby. Dank der guten Pflege durch die Dienerschaft kam die Frau bald wieder zu Kräften. Jilocasin nahm wieder Menschengestalt an, um seinen Schützling zu besuchen. Die Dame versicherte ihm ihre große Dankbarkeit und erzählte ihre Geschichte. Sie war nach nur zwei Jahren Ehe verwitwet und ihre Familie wollte sie nun dazu zwingen, einen Cousin zu heiraten - einen skrupellosen Mann, der nur hinter Titel und Reichtum ihres verstorbenen Gatten her war. Die Hochzeit wurde hastig angesetzt, noch bevor die vom Gesetz vorgeschriebenen Trauerzeit abgelaufen war.

"Doch ich war von meinem ersten Gatten schwanger, wovon mein Cousin natürlich keine Ahnung hatte", erklärte die Frau weinend. "Als das Baby dann sechs Monate nach der erzwungenen Trauung geboren wurde, griff mein Mann das Baby an, damit es keinen Anspruch auf seine Reichtümer stellen könnte. Aus Angst um das Leben meines Sohnes rannte ich davon, doch mein Mann hetzte seine Gefolgsleute auf mich, beinahe hätte er Erfolg gehabt und das Baby getötet. Doch ihr habt uns gerettet, nun gehört mein Leben euch." Berührt von Gram und der Schönheit der Frau bot Jilocasin ihr Schutz und Sicherheit in seinem Heim an.

Die Zeit verging, und der Drachen-Troubadour und die Frau wurden unzertrennlich. Zwar war ihr Jilocasins wahre Identität bekannt, doch wegen seiner Sanftmut und seiner Freundlichkeit konnte das keinen Schatten auf ihre Liebe zu ihm werfen. Der Drache auf der anderen Seite fand bei ihr die Freundschaft und das Verständnis, nach denen er so lange gesucht hatte. Jilocasin und die Frau unternahmen lange Spaziergänge, bisweilen lud sie der Drache auf seine Schultern, und sie flogen in weit entfernte Länder. Sie verbrachten ihre Zeit in Liebe und sangen gemeinsam Verse, die der Drachenpoet geschrieben hatte. Drei glückliche Jahre vergingen auf diese Weise - ihr Glück wurde durch die Schwangerschaft der Frau vervollkommnet. Beide sahen der Geburt ihres gemeinsamen Sohnes mit Freuden entgegen, doch die Frau starb im Kindbett. Jilocasin war untröstlich. Er hatte eine unersetzliche Partnerin verloren, die einzige Frau, die ihn so liebte, wie er war.

In ihrem Andenken sorgte der Drache für die beiden Söhne, wobei er keinen Unterschied zwischen dem adoptierten und dem leiblichen Kind machte. Er lehrte sie die höchsten Prinzipien und präsentierte sie zu guter Letzt als Ritter bei Hofe. Die beiden Brüder, die "Ritter des Drachen" genannt werden wollten, wurden für ihren Edelmut berühmt und konnten zuletzt das Andenken der Mutter rächen, indem sie das Schloß eroberten, welches ihr bösartiger Onkel einst gestohlen hatte.


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