Pascal Mercier - Nachtzug nach Lissabon
AMADEU INACIO DE ALMEIDA PRADO, UM OURIVES DAS PALAVRAS, LISBOA 1975
Wenn es so ist, daß wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist - was geschieht mit dem Rest?
"How did you like it?" fragte der Ire, als wir die Broad Street entlanggingen. Ich sagte nicht alles, ich sagte nur, daß ich es gespenstisch gefunden hätte, wie alle eigentlich nur zu sich selbst geredet hätten. "Well", sagte er, "well." Und nach einer Weile: "It's just talking, you know; just talking. People like to talk. Basically, that's it. Talking." "No meeting of minds?" fragte ich. "What!" rief er aus und verfiel in ein kehliges Lachen, das ins Grölen hinüberspielte. "What!"
Das Leben ist nicht das, was wir leben; es ist das, was wir uns vorstellen zu leben.
Die Welt als Bühne, die darauf wartet, daß wir das wichtige und traurige, das komische und bedeutungslose Drama unserer Vorstellungen inszenieren. Wie rührend und charmant sie ist, diese Idee! Und wie unvermeidlich!
Wir leben hier und jetzt, alles, was vorher war und an anderen Orten, ist Vergangenheit, zum größten Teil vergessen und als kleiner Rest noch zugänglich in ungeordneten Splittern der Erinnerung, die in rhapsodischer Zufälligkeit aufleuchten und wieder verlöschen. [...] Doch aus der Sicht des eigenen Inneren verhält es sich ganz anders. Da sind wir nicht auf unsere Gegenwart beschränkt, sondern weit in die Vergangenheit hinein ausgebreitet. Das kommt durch unsere Gefühle, namentlich die tiefen, also diejenigen, die darüber bestimmen, wer wir sind und wie es ist, wir zu sein. Denn diese Gefühle kennen keine Zeit, sie kennen sie nicht, und sie anerkennen sie nicht.
Die Seele, Jorge, sie ist eine pure Erfindung, unsere genialste Erfindung, und ihre Genialität liegt in der Suggestion, der überwältigend plausiblen Suggestion, daß es an der Seele etwas zu entdecken gibt wie an einem wirklichen Stück Welt. Die Wahrheit, Jorge, ist eine ganz andere: Wir haben die Seele erfunden, um einen Gesprächsgegenstand zu haben, etwas, über das wir reden können, wenn wir jemanden begegnen. [...] Weißt du, das Denken ist das Zweitschönste. Das Schönste ist die Poesie.

Zurück zur Homepage