Raoul Schrott - Die Wüste Lop Nor

XV

Seine zweite Frau hatte er zum ersten Mal gesehen,
als sie sich an den Tresen drängte und ihm dabei wie
selbstverständlich die Hand auf die Schulter
legte.
In der Bar wurde Jazz gespielt. Raoul mochte Musik
nicht besonders; sie hatte ihm zu viele Töne.
Später, weil kaum Platz mehr war, stellte er sich in die
Nähe des Eingangs. Der Himmel hatte die Farbe der
Straßenlaternen.
Sie war mit einem Segelschiff gekommen; das schloß
er daraus, daß sie auf englisch 'seadog' sagte und
Leinenschuhe anhatte. Ihr Haar war schwarz. Es fiel
ihr auf die Schulter; über der Stirn war es kurz
geschnitten.
Mit einer abwesenden Geste raffte sie es hoch; für
einen Roßschwanz reichte es kaum. Dann suchte sie
in den Taschen ihrer Jeans. Er gab ihr das
Gummiband, mit dem er unablässig spielte.
Das war in einer anderen Stadt.
Sie hieß Arlette
 
  XVII

Erzähl mir eine Geschichte, hatte Arlette gesagt. Was
ist die schönste Geschichte, die du kennst? Erfind
mir eine, egal, ob sie wahr ist.
XXII

Einundzwanzig Meilen südöstlich von Fallon,
Nevada, liegen zwei sichelförmige Dünen. Ein
Schotterweg führt bis zu den Grasmatten an ihrem
Fuß. Sie sind über hundert Meter hoch und auf der
Karte als 'Sand Mountain' verzeichnet.
Läuft man auf der windabgewandten Seite hinunter,
klingt es wie ein tieffliegender Bomber oder eines der
Kampfflugzeuge aus dem zweiten Weltkrieg, die von
den Fliegervereinen gepflegt werden.
Raoul nahm Arlette auch von dort eine Handvoll
Sand mit.
Nur die wenigsten denken an so etwas.
Und er schickte ihr eine Ansichtskarte, auf die er
vorne ein Herz gemalt hatte; aber er kam an,
noch bevor der Postbote sie ausgetragen hatte.
 
 
XXIV

Einmal im Jahr rief Francesca an; zumeist, wenn sie
wieder einen neuen Liebhaber hatte. Sie verstanden
sich immer besser. Bevor sie auflegte, sagte Francesca
jedesmal, daß er ihr sehr fehle.
Es scheint, daß die Frauen Raoul Louper immer erst
vermißten, wenn er fort war.
XXXI

Im Gilf Kebir habe ich einmal die Zeit gesehen. Sie
war ein Rispengras, das sich an seiner Ähre herabbog.
Morgens kam der Wind von der aufgehenden Sonne,
und abends von dort, wo sie unterging. In ihm
zeichnete das Gras einen vollkommenen Kreis
in den Sand, wie eine Uhr, die keine Stunden kennt.
 
  LXXXIII

Raoul sah sie im Vorbeifahren. Sie stand am
Straßenrand, einen Stock in der Hand, ein Hund
unruhig neben ihr. Stand reglos, audruckslos
das Gesicht. Die Augen grün, wie Gras, wenn
der Wind in es fährt und die Halme ins Weiße
kehrt. Die Ärmel ihres Kleides wie in rotem Ocker
getaucht; getüncht.
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