Arturo Perez-Reverte
Der Schlachtenmaler
8.

Faulques benutzte nie reines Schwarz. Diese Farbe hinterließ Löcher, sie war wie ein Einschuss oder der Einschlag eines Granatsplitters in der Wand. Er wollte sie lieber indirekt erreichen, indem er gebrannte Umbra mit Paynegrau oder Preußischblau, sogar mit etwas Rot vermischte, und er stellte die Mischung nicht auf der Palette, sondern auf dem Bild selbst her, wobei er manchmal mit dein Finger über die großen Flächen rieb, bis ihm der gewünschte Ton gelang, ein sehr dunkles Aschgrau, und er setzte helle Farben hinzu, die es bereicherten und ihm Volumen gaben. Das war gewissermaßen das Gleiche, dachte der Schlachtenmaler, wie wenn man die Blende eine Stufe weiter öffnete, um dunkelhäutige Menschen zu fotografieren. Wenn man drauflosknipste und sich auf den Belichtungsmesser der Kamera verließ, erschienen die Dargestellten konturlos. In einem flachen Schwarz ohne Abstufungen. Als ein Loch im Bild.

Während er die Farbe mit einem Finger auf die Wand auftrug - das Schwarz der Schatten, Rauchschwarz der Feuersbrünste, Nachtschwarz ohne ein vorausgeahntes Morgengrauen -, erinnerte er sich an eine schwarze Haut, die er fünfundzwanzig Jahre zuvor am Ufer des Chari fotografiert hatte. Auch dieses Foto war in dem Album, das Ivo Markovic auf dem Stuhl hatte liegen lassen. Es war wirklich ein gutes Schwarz-Weiß-Foto, sodass ihm damals mehrere internationale Zeitschriften eine Doppelseite widmeten. Nach einem Gefecht in der Umgebung von N'Djamena hatte man ein Dutzend verwundeter und gefesselter tschadischer Rebellen zum Fluss gebracht, um sie von den Krokodilen fressen zu lassen. Das geschah nicht weit von dem Hotel, in dem sich Faulques einquartiert hatte - die Fensterscheiben waren zerschossen und die Wände voller Löcher, wie Striche, die man mit einem kalten Schwarz gemalt hatte. Eine halbe Stunde lang fotografierte er diese Männer, einen nach dem anderen, berechnete Blende und Bildfeld, machte sich Gedanken über den Lichtkontrast zwischen dem Sand und den schweißglänzenden, mit Fliegen übersäten schwarzen Häuten, von denen sich das Weiß der entsetzt in die Kamera starrenden Augen abhob. Die Feuchtigkeit machte die Hitze schier unerträglich, und Faulques bewegte sich äußerst behutsam, Schritt um Schritt, während er die auf dem Boden ausgestreckten Männer beobachtete. Sein Hemd war durchnässt, und bei jeder Bewegung ging er sparsam mit seinen Kräften um. Er blieb mit offenem Mund stehen, um die dicke und heiße Luft einzuatmen, die nach dem schmutzigen Flusswasser und auch nach den am Ufer liegenden Körpern roch. Rohes Fleisch. An diesem Tag hatte er mehr als jemals sonst den Eindruck, dass der Geruch der afrikanischen Körper dem von rohem Fleisch täuschend ähnelte. Als er sich über einen von ihnen beugte - Fleisch auf der Schlachtbank, das zum Gefressenwerden bereitlag- und das Kameraobjektiv dein Kopf näherte, hob der Verwundete die gefesselten Arme hoch, um sich voller Schrecken das Gesicht halb zu verdecken, während ihm die Augen mit ihrer weißen Hornhaut. noch weiter aus den Höhlen traten. Da öffnete Faulques die Blende eine Stufe weiter, stellte das Objektiv auf die weit aufgerissenen Augen vor ihm scharf ein und drückte auf den Auslöser, fing dieses Bild ein, das mit schrecklicher technischer Perfektion gestaltet war: mehrere in Schwarz- und Grautönen abgestufte Volumen, die gefesselten und schmutzigen Hände ganz im Vordergrund, mit dem helleren Farbton der Handflächen und Fingernägel, dem Schatten, den die Hände auf den unteren Teil des Gesichts warfen, während die obere Hälfte von der Sonne erhellt wurde, ein glänzendes Schwarz, schweißbedeckte Haut, Fliegen, an einer Wange klebende helle Sandkörner. Und genau in der Mitte des Ganzen diese maßlos weit aufgerissenen Augen, in denen sich Entsetzen spiegelte: zwei weiße Mandeln mit zwei pechschwarzen Pupillen, die das Kameraobjektiv, Faulques, die tausende Betrachter anstarrten, die dieses Foto sehen würden. Dann weiter hinten, als Ende des Blickfelds, die Summe all dieser Schwarz- und Grautöne: der Schatten, den der Kopf des Mannes auf den Sand warf, wo man trotz der leichten Unschärfe des Hintergrunds die Schleifspur der Füße und des Schwanzes eines Krokodils erriet - ein meisterhafter Beitrag des Zufalls und der Natur, die beide unerbittlich waren. Faulques hatte neunzehn Aufnahmen gemacht, als ein Posten mit einem Gewehr und einer Sonnenbrille, deren Qualitätskontrollzettel auf dem linken Glas klebte, zu ihm kam und ihm mit Gesten klarmachte, dass es nun genug und Schluss mit den Fotos sei. Faulques streckte protestierend die Hände vor und bat vage um Mitleid, wobei er sich mehr von der Gewohnheit als der Hoffnung leiten ließ. Der Sonnenbrillenträger antwortete mit einem ungeheuer breiten und weißen Lächeln, das ihm das Zahnfleisch entblößte, bevor er das Gewehr über die andere Schulter hängte und in den schützenden Schatten zurückkehrte. Ohne sich umzusehen, machte sich dann der Fotograf auf den Rückweg ins Hotel, spulte die Filme um, markierte sie mit dem Filzstift und steckte sie in ein dickes Kuvert, damit er sie am nächsten Tag mit einer Maschine der Air France mitschicken konnte. Als die Sonne unterging und Faulques auf der verödeten Hotelterrasse neben dem leeren Swimmingpool aß und der Musik der Kapelle lauschte - eine Gitarre, eine Elektroorgel und eine schwarze Sängerin, mit der er in dieser Nacht ins Bett ging, nachdem er ihren Preis bezahlt hatte -, hörte er die Schreie der Gefangenen, die von den Krokodilen ins Wasser des Flusses geschleift wurden. Er ließ das halb rohe Fleisch unangerührt auf dem Teller liegen, ohne dass er es überhaupt fertigbrachte, es mit dem Messer zu zerschneiden.

Das hatte er etwas später einem Freund in einem Madrider Restaurant geschildert. "Ich rnuss wissen, ob so etwas zum Spiel gehört", sagte er fragend. "Ob es eine wissenschaftliche Begründung für all dieses Fleisch von vernünftigen Menschen gibt, das man in die Sonne legt, um darauf zu warten, dass es gefressen wird. Ob es verborgene Gesetze im heben oder auf der Erde gibt. Ich muss wissen, ob meine Fotos wirklich die kürzeste Linie zwischen zwei Punkten sind." Der Freund war ein junger und intelligenter Wissenschaftler, Mitglied zweier Akademien und Autor von populärwissenschaftlichen Büchern. "Aristoteles", begann er, und Faulques unterbrach ihn: "Komm mir nicht mit Aristoteles, verdammt noch mal! Ich rede vom wirklichen Leben und Tod. Vom Leichengestank unter den Trümmern, vom Geruch des Todes, der an einem Flussufer entlangkriecht." Drei Sekunden lang betrachtete ihn sein Freund wortlos. "Aristoteles", sprach er unerschütterlich weiter, "hat sich nie damit zufriedengegeben, die Geschehnisse darzustellen, sondern er hat immer nach dem Warum gesucht. 'Um uns zu verstehen', sagte er, 'müssen wir die Welt verstehen, und um die Welt zu verstehen, müssen wir uns selbst verstehen.' Allerdings ist seitdem viel Wasser ins Meer geflossen. Als wir Menschen uns von der Natur getrennt haben, haben wir die Fähigkeit verloren, uns über das Grauen hinwegzutrösten, das da draußen lauert. je eingehender wir die Dinge beobachten, desto sinnloser wird alles und desto schutzloser fühlen wir uns. Pass auf: Gödel, dieser Spielverderber, ist daran schuld, dass man nicht einmal eine Zuflucht in dem einzigen Bereich finden kann, den wir für sicher hielten - die Mathematik. Aber Vorsicht. Wenn sich im Resultat der Beobachtung kein Trost finden lässt, kann es ihn doch im Vorgang der Beobachtung selbst geben. Ich meine den analytischen, wissenschaftlichen, ja sogar ästhetischen Vorgang dieser Beobachtung. Er ist - von Gödel abgesehen - wie die mathematischen Verfahren: Sie besitzen eine solche Sicherheit, Klarheit und Unvermeidlichkeit, dass sie für diejenigen eine geistige Erleichterung bedeuten, die sie kennen und anwenden. Sie betäuben den Schmerz, würde ich sagen. So gelangen wir zu einem etwas ramponierten, aber immer noch nützlichen Aristoteles zurück: Uns rettet das Verständnis, ja selbst das Bemühen zu verstehen. Oder wenigstens tröstet es, weil es das absurde Grauen in unerschütterliche Gesetze umformt."

Sie hatten ihre Mahlzeit fortgesetzt und unterhielten sich weiter über all diese Themen. Faulques stellte entsprechende Fragen, und wie ein Schüler, der interessiert den Darlegungen des Lehrers lauscht, hörte er sich schweigend die Antworten an. Damals wurde es ihm nicht klar, doch es veränderte - "vervollständigte" war gewissermaßen das zutreffende Wort -seine bisherige Weltsicht, die, wie er glaubte, die Linsen seiner Kameras als einzigen Annäherungs- oder Erkenntnisweg angesehen hatte. Nun endlich ordnete er zusammenhanglose Intuitionen und Bilder auf den genau verteilten Feldern eines unermesslich großen Schachbretts, das Welt, Vernunft und Leben umfasste. "Es ist hart", sagte gerade sein Freund, "wenn man anerkennen muss, dass die Welt völlig gefühllos ist: dass sie ein erbarmungsloses Wesen hat. Die früheren Wissenschaftler hielten sie für ein Rätsel, das man entschlüsseln könne, wenn man den richtigen Code besitze: so etwas wie eine von Gott vorbereitete Hieroglyphe. Das bedeutet, dass du in gewisser Hinsicht recht haben kannst. Wenn wir nämlich nicht das Wort 'Gott' gebrauchen, sondern stattdessen vom Begriff eines Systems verborgener Gesetze sprechen, bleibt die Idee weiter gültig, obwohl es schwerfällt, sie näher zu bestimmen. Verstehst du? Das verhält sich wie bei der Goldbach'schen Vermutung: Wir wissen Dinge, die wir nicht beweisen können. Die klassische Wissenschaft erkannte bereits, dass es Probleme gibt, die mit nichtlinearen Systemen verbunden sind - ich meine die mit regellosen, willkürlichen oder chaotischen Verhaltensweisen -, doch sie konnte sie wegen der mathematischen Schwierigkeiten ihrer Behandlung nicht verstehen. Jetzt, in dem Maße, wie unsere Beobachtungsfähigkeit zunimmt, entdecken wir immer mehr scheinbares Chaos in der Natur. Schon seit einem halben Jahrhundert wissen wir, dass die wahren Gesetze nicht linear sein können. In diesen bequemen Systemen, mit denen uns die Wissenschaft jahrhundertelang beruhigt hat, veränderten die winzigen Unterschiede in den Anfangsbedingungen nicht die Lösung; doch wenn bei den chaotischen Systemen die Ausgangsbedingungen ein wenig variieren, nimmt das Objekt einen anderen Weg. Das ließe sich selbstverständlich auf deine Kriege anwenden. Und auch auf die Natur und das Leben selbst: Erdbeben, Bakterien, Reize, Gedanken. Wir stehen zeitlebens in einer Wechselwirkung mit der uns umgebenden verworrenen Landschaft. Doch es trifft zu, dass ein chaotisches System Gesetzen oder Regeln unterliegt. Ja, noch mehr: Es gibt Regeln, die aus Ausnahmen oder scheinbaren Zufällen bestehen, und diese könnte man mit Gesetzen beschreiben, die mit klassischen mathematischen Ausdrücken formuliert sind. Um den Vortrag zusammenzufassen, mein Freund, und bevor du die Rechnung bezahlst: Obwohl es nicht so aussieht, gibt es Ordnung im Chaos."


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