Das Experiment(c) mcn '96

Es war mal wieder so weit, Zenon einen Besuch abzustatten, dachte Aclon und lächelte bei dem Gedanken an ihre letzte Begegnung. Das war jetzt auch schon wieder beinahe einen Monat her. Sie hatten seither ein paar mal die Gedanken ausgetauscht, aber ein richtiger Besuch, von Angesicht zu Angesicht, war Aclon wesentlich lieber. Das Verschicken von Gedanken war schon praktisch - einer der Vorteile, wenn man einen Magier kennt. Es ist schneller, einfacher und billiger als einen Brief zu schreiben. Allerdings hat es auch seine Haken. Da Aclon selbst kein Magier ist, kann er nur die Gedanken eines Magiers empfangen und darauf antworten, nicht aber selbst welche verschicken oder mit anderen Nicht-Magiern reden. Und Zenon wollte ihm einfach nicht in den Trick einweihen. 'Berufsgeheimnis' sagte er - naja. Manchmal kann es einen auch ganz schön verwirren, wenn plötzlich fremde Gedanken so ganz ohne Vorwarnung in das eigene Bewußtsein eindringen. Und außerdem hatte ein richtiger Besuch bei Zenon noch einen entscheidenden Vorteil: Zenon hatte immer irgend etwas leckeres zu Essen für seine Gäste. Also machte Aclon seinen großen, viel zu leeren Kühlschrank wieder zu und begab sich auf den Weg durch den mittlerweile wieder grünen Wald zu Zenons Haus.

"Hallo Aclon", begrüßte ihn Zenon freudig an der Tür und geleitete ihn in seine Wohnung.

"Es ist gerade ein wenig unordentlich", fuhr er mit einer weit ausholenden Handbewegung fort. Die übliche Entschuldigung, die er sich getrost hätte sparen können. Denn erstens hatte das Chaos aus Büchern, gläsernen Apparaturen, Flaschen und allerlei seltsam anmutenden Dingen wie eingefangenen Blitzen oder vergoldeten Rückschlagventilen seinen ganz eigenen, unverwechselbaren Charme. Zweitens räumte Zenon wirklich nie auf, auch wenn seine Aussage gegenteiliges zu suggerieren versuchte. Und drittens sah es bei Aclon selbst auch nicht viel besser aus, wenn man vielleicht von dem beinahe leeren Kühlschrank absah. Aber Ordnung in einem leeren Kühlschrank zu halten ist keine große Kunst.

"Was macht die Zauberkunst? Mal wieder was Neues ausprobiert?" fragte Aclon.

"Ja, ich habe auf dem Flohmarkt ein echtes Schnäppchen gefunden: 'Nagars gesammelte Zaubersprüche Band 3 - F bis H'. Hier, siehst du. Schon ein wenig abgegriffen, aber sehr billig. Da konnte ich einfach nicht widerstehen. Ich bin gerade dabei, etwas auszuprobieren."

Aclon griff sich das alte, schwere Buch und schaute es respektvoll an. Der Einband war in einem schmutzigen, unscheinbaren Grau. Die Farbe des Titels war schon verblaßt. Man konnte ihn nur noch lesen, da er leicht in die Oberfläche hinein geprägt war. Die Seiten waren völlig vergilbt und teilweise lose. Er mußte aufpassen, daß er nicht noch mehr kaputt machte und das Buch ganz auseinanderfiel. Es war in einer sehr alten, verschnörkelten Schrift geschrieben. Aclon hatte einige Mühe sie zu entziffern.

"Ich war schon fast soweit, etwas daraus vorzubereiten. Einen Moment noch, dann habe ich es. Willst du in der Zwischenzeit vielleicht etwas essen?"

Aclon befürchtete schon, Zenon würde nie mehr fragen.

"Na klar, eine Kleinigkeit könnte ich schon vertragen", versuchte er wie beiläufig zu sagen, doch seine Augen schrieen 'Hunger!'. Zenon nickte kurz mit dem Kopf und ging in die Experimentierstube.

"Bediene dich. Du weißt ja, wo alles steht", rief er Aclon noch hinterher, der bereits auf dem Weg zum Kühlschrank war. Aclon nahm sich von allem etwas heraus, was ihn entfernt an normale Lebensmittel erinnerte. Bei Zenon mußte man da immer ein wenig vorsichtig sein, denn er pflegte gelegentlich auch seinen Zaubereibedarf dort aufzubewahren.

"Bringst du mir die Froschaugen in der roten Dose mit?" fragte Zenon.

Da hätte Aclon beinahe wieder einen Fehler gemacht. Mit dem wahrscheinlich größten Sandwich diesseits des Goldenen Flusses in der einen Hand und der roten Dose mit den eingelegten Froschaugen in der anderen Hand kehrte Aclon zu Zenon zurück. Vor ihm stand eine aus mehreren Kolben, Destillierbrücken und Rückflußkühlern bestehende Normschliffapparatur. Zenon warf ein prüfendes Auge auf die eingelegten Froschaugen, nahm eines heraus und ließ es in den größten der Glaskolben kullern.

In dem Kolben fing es heftig zu brodeln an. Der gesamte Raum war eingenebelt. Dicke weiße Rauchwolken wirbelten ineinander. In der Mitte brachen die Strahlen eines gelblich-roten Glühens durch die Nebelschwaden. Die Temperatur des Raumes erhöhte sich auf ein angenehm wohliges Maß. Aclon und Zenon schauten sich an und schenkten sich ein zuversichtliches Lächeln. Der Nebel verzog sich wieder, aber irgendwie blieb im Raum eine Aura, ein schwaches Nachglimmen des Versuches zurück.

"Was war das?" fragte Aclon, die Antwort ahnend.

"Ein Hoffnungsschimmer!"



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Erschienen auch in
Welten voller Hoffnung
bejot-Verlag 2002