Reflexionen

Dies ist die mittlere von drei Geschichten, die sich um einen Jungen, genannt der kleine Hope, seine Freundin Nora und den Drachen Thiophan drehen.
(c) mcn '98


   "Ich möchte zu der Brücke. Ich möchte die Lichter auf dem Wasser sehen. Licht und Wasser, von Dunkelheit umhüllt. All die Reflexionen, nur für mich."
  Seine Augen funkelten und seine Stimme war ein wenig quängelig, so als sei er der kleine Junge.
  "Es ist noch zu früh", gab ich kurz zu bedenken, aber ich sah an der Art, wie er den Kopf wegdrehte, daß damit das Thema noch nicht erledigt war.
  "Es könnten noch andere Menschen da sein", ergänzte ich.
  "Es ist doch schon dunkel, vielleicht fallen wir nicht weiter auf", fauchte er.
  Ich lachte kurz auf: "Ha!" Er und nicht weiter auffallen. Wir wußten beide, daß er das nicht wirklich ernst meinen konnte. Ich brauchte ihm das nicht zu erklären, nicht inhaltlich, aber ich spürte, daß ich mit ihm reden mußte um des Redens willen, um ihm meine Nähe spüren zu lassen und ihn gewissermaßen zu trösten. Ich rückte ein wenig näher an ihn heran, so daß ich meine Hand auf seinen Rücken legen konnte.
  "Ich wollte Dich auch umbringen", versuchte ich zu erklären, doch die Worte kamen mir zugleich auch wieder dumm vor.
  "Aber Du hast es nicht getan, kleiner Hope, du könntest es nicht."
  Er durfte mich so nennen, bei ihm klang das klein irgendwie liebevoll und nicht ganz unangemessen.
  "Ich bin auch nicht wie die anderen."
  "Ja, das sind wir beide nicht", seufzte der Drache und versuchte dabei zu lächeln.
  Der Mond schien durch den Eingang der Höhle auf seine Schuppen. Sie glänzten grünlich-schwarz, fast wie Metall. Es war nicht die Höhle am Wasserfall. Wo sie liegt wird nicht verraten.
  "Wenn Du nicht anders wärst, würde ich Dich nicht mögen", fügte er hinzu.
  Er sagte selten so etwas, doch ich wußte es auch so. Ich schwieg und drückte ihn ein wenig fester.
  Wir waren schon ein seltsames Paar. Ein kleiner Junge mit allerlei Flausen im Kopf, der von den anderen Kindern immer gehänselt wurde, falls sie ihn überhaupt beachteten. Sie ahnten ja nicht einmal etwas von seinem Wissen. Und ein Drache, der sich vor der Verfolgung durch die Menschen schützen mußte. Sie würden ihn umbringen wollen, wenn sie ihn sehen würden, denn sie kannten ihn nicht, nicht das große Herz, das unter seinem Schuppenpanzer schlug. Wer käme schon bei dem Anblick eines leibhaftigen Drachen auf die Idee, daß er keine bösartige Bestie ist, sondern ein sensibles Wesen. Wer wußte schon, daß er Gedichte schrieb, was er mochte und wovor er sich fürchtete. Wir waren sehr verschieden, äußerlich gesehen, von unserer Vergangenheit und unseren Erfahrungen ausgehend, aber trotz aller Unterschiede gab es doch etwas kostbares, inneres, das uns verband. Er hatte mir damals, als ich ihn in der Höhle entdeckte, eine Menge Fragen gestellt. Er hatte keine Angst vor mir und ich auch nicht vor ihm. Ich hatte schnell alle Vorurteile vergessen, wegen denen ich da war. Ich verstand ihn, er verstand mich, das ist es wohl. Ich schaute ihn lange an.
  "Vielleicht ist es jetzt spät genug. Laß uns fliegen", sagte ich schließlich.
  (erschienen auch in Headline 2000)


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