Die Legende vom Wind
  (oder: Wie werde ich ein Gott?)

 
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  Peter hatte mal wieder eine seiner Ideen. Eine dieser Ideen, die irgendwie umwerfend gut klangen, jedenfalls im ersten Augenblick, aus denen aber meist doch nichts wurde, sei es aus mangelndem Können, finanziellen Mitteln oder einfach, weil die nächste Idee noch besser zu sein schien. Und wie immer in solchen Fällen musste Ralf sich geduldig anhören, was sich Peter nun schon wieder ausgedacht hatte.
  "Also ich habe hier eine Kopie aus dem OVaGuW, dem Offiziellen Verzeichnis aller Götter und Wunder", begann Peter mit erregter Stimme, "neueste Auflage, Band 12, M bis O. Kennst du Manu?"
  Ralf wollte zu einer Antwort ansetzen, doch Peter fuhr schon fort: "Egal, hör mal zu." Peter begann von einer verkleinerten Photokopie vorzulesen, die offensichtlich aus dem OVaGuW stammt:
  "Es war die Zeit, als es noch keinen Wind gab, keinen Sturm und keinen Lufthauch. Es gab keinen Wind, denn es gab keinen Grund dazu und darum vermisste ihn auch niemand. Es war auf dem Gipfel des Mohab, des höchsten Berg des Landes, wo an der erhabensten Stelle ein uralter Baum stand. Er mag Jahrhunderte, vielleicht gar Jahrtausende an diesem Ort verharrt haben, um über das gesamte Land zu wachen. Weit und breit befand sich im gesamten Umkreis kein anderes Leben, weder Tier noch Pflanze, nur eine Wüste aus Stein. Und auch der alte Baum schien dem Sterben nahe, konnte man doch die Blätter, die er noch trug, mühelos mit den Augen zählen. Doch an jenem glorreichen Tage, den wir noch heute Jahr für Jahr feiern, öffnete sich an einem kleinen Zweig hoch oben in der Krone des alten Baumes eine einzelne, strahlendweiße Blüte. Die Blüte reifte zu einer süßen Frucht, und die Frucht gab den Samen frei, den sie in sich barg, alles an einem Tag. Dies war die Geburt von Manu.
 

  Und Manu rief den Wind herbei, zum ersten Mal in unser aller Leben, auf dass er ihn hinweg trage, vom Berg Mohab herab in unser Land. Die Menschen erschraken sehr, wussten sie doch nicht, was das sei, der Wind, woher er komme und was er wollte. Sie hatten nicht einmal einen Namen für den Wind, nur die Angst vor dem Unbekannten. Darum beteten sie zu ihren Göttern, doch die gaben ihnen keine Antwort. Manu, der das sah, versuchte sie zu beruhigen. 'Fürchtet euch nicht, denn dies ist nicht das Ende, sondern der Anfang', sprach er zu ihnen durch den Wind. Viele der Menschen glaubten ihm, während andere noch immer zweifelten. Sie konnten ihn nicht sehen, sie konnten ihn nicht begreifen. Da beschloss Manu, die Gestalt der Menschen anzunehmen, um auch deren Furcht zu nehmen. Er suchte sich von all den Gegenden, über die er geflogen war, das Jankarital aus, um sich dort nieder zu lassen und ward zu einem jungen Mann. Dies war der zweite Tag.
  Jene, die ihm gefolgt waren, bildete er zu seinen Priestern aus. Er lehrte sie, die Botschaften des Windes zu deuten und zu verstehen und gab ihnen auf, überall im Lande den Menschen als Mittler zu dienen. Und so schickt noch heute der Große Manu uns allen, die wir Fragen, Wünsche oder Sorgen haben, den Wind mit seiner göttlichen Botschaft, um uns den rechten Weg zu weisen, um uns zu trösten oder zu ermahnen. Die Priester des Herrn dienen ihm, indem sie uns, wann immer ein Wind weht, sagen und erklären, was der göttliche Wille Manus ist."
  Peter sah Ralf mit großen, erwartungsvollen Augen an. Es entstand eine lange Pause, in der Ralf nicht wusste, was er sagen sollte. "Hmm, das erinnert mich irgendwie an die Legende mit Silva und dem Regen", sagte Ralf schließlich.
  "Und jetzt hast du diesen Manu zu deinem Gott auserkoren", fragte Ralf und zögerte zugleich erneut, da ihm ein neuer Gedanke kam, "oder willst du gar - ein Priester werden. Ein Priester von Manu, um den Wind zu deuten?"
  "Nein, weder noch, du verstehst nicht. Ich will noch einen Schritt weiter gehen. Ich will ein Gott sein." Jetzt war es heraus.
  Nun war Ralf an der Reihe, Peter mit großen, ungläubigen Augen anzusehen. Er war ja schon vieles von Peter gewohnt, aber das - ein Gott sein? "Wie stellst du dir das denn vor? Du kannst doch nicht einfach ein Gott sein, nur weil du es sagst. Wenn das so einfach wäre."
  "Es ist so einfach, glaube mir."
  "Aber die Wunder? Ohne Wunder kommst du nicht ins OVaGuW, ohne Wunder kein Gott."
  "Genau, das ist der Punkt. Und genau das macht es so einfach", schmunzelte Peter angesichts des völlig entgeistert dreinschauenden Ralfs. "Der Eintrag ins OVaGuW ist alles, was ich brauche. Ob die Wunder dann wirklich stattgefunden haben, interessiert doch dann keinen Menschen mehr. Solange sie etwas zum Glauben haben."
  "Du meinst?"
  "Genau, ein Eintrag ins OVaGuW, und ich bin offiziell anerkannter Gott."
  "Aber ein Gott braucht doch auch Anhänger, Gläubige, Priester usw. Was nutzt es dir, wenn du ein Gott bist, und keiner kennt dich?"
  "Vergiss es. Darauf kommt es mir doch gar nicht an. Ich will ein Gott sein. Punkt. Für Werbung gebe ich bestimmt kein Geld aus. Vielleicht stolpert ja irgendwer zufällig über meine Legende, und es entwickelt sich etwas daraus. Und wenn nicht, ist es auch egal. Hauptsache ich bin ein Gott. Wer weiß, wofür man es später einmal gebrauchen kann. In einem Bewerbungsgespräch, oder so."
  "Aber die Wunder werden doch alle von der Großen Geistlichen Kommission geprüft, bevor sie Aufnahme ins OVaGuW finden. Du kannst doch nicht einfach ohne Beweise oder wenigstens Zeugen vor die Kommission treten?"
  "Wenn man die richtigen Leute kennt, schon. Das ist ja der Punkt, warum ich dir die Legende von Manu vorgelesen habe und wie ich überhaupt auf die ganze Sache gestoßen bin. Ich habe ihn nämlich kennen gelernt."
  "Wen?"
  "Manu höchstpersönlich. Es war ein Zufall. Wir waren in derselben Kneipe hängen geblieben. Er hatte mehr getankt, als es für einen normalsterblichen Gott gut ist. Er hat mir dann alles erzählt, die gesamte Prozedur, wie man ein Gott wird. Die gesamte Legende ist erfunden. Er denkt schon über eine Fortsetzung nach. Ich sage dir, er ist ein Typ wie du und ich. Vielleicht ein bisschen verrückt, aber amüsant. Wir haben uns prima verstanden. Später, als er dann wieder nüchtern war, meinte er, ich solle das Ganze nicht so an die große Glocke hängen, was er mir erzählt hatte. Gut, ich habe es ihm natürlich versprochen. Aber wie gesagt, wenn man die richtigen Leute kennt."
  Langsam begriff Ralf. "Hast du denn schon eine Legende für dich?"
  "Nein, aber da wird mir schon noch etwas einfallen."

  Wenn ihm nicht mittlerweile schon wieder eine bessere Idee gekommen ist, so gibt es vielleicht einen neuen Gott. Schauen Sie bei Gelegenheit doch einmal im OVaGuW nach.
Erschienen auch in KURZGESCHICHTEN 06/2006
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