Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe


Im heutigen Leben gehört die Welt nur den Narren, den Grobschlächtigen und den Betriebsamen. Das Recht zu leben und zu triumphieren erwirbt man heute fast durch die gleichen Verfahren, mit denen man die Einweisung in ein Irrenhaus erreicht: die Unfähigkeit zu denken, die Unmoral und die Übererregtheit.

Wenn das Herz denken könnte, würde es stillstehen. Was bleibt jemandem, der wie ich lebendig ist und doch kein Leben zu haben versteht - ebenso wie den wenigen Menschen meiner Art - anders übrig als der Verzicht als Lebensweise und die Kontemplation als Schicksal?

Was uns zugestoßen ist, ist entweder allen zugestoßen oder uns allein; im einen Falle ist es keine Neuigkeit, im anderen unverständlich.

Vielleicht ist es mein Schicksal, ewig ein Buchhalter sein zu müssen, und Dichtung und Literatur sind ein Schmetterling, der sich auf meinen Kopf niederläßt und mich um so lächerlicher erscheinen läßt, je größer seine Schönheit ist.

Wir alle, die wir träumen und denken, sind Buchhalter und Hilfsbuchhalter in einem Stoffgeschäft oder irgendeinem anderen Geschäft in irgendeiner Unterstadt. Wir führen Buch und erleiden Verluste; wir ziehen die Summe und gehen vorrüber; wir schließen die Bilanz, und der unsichtbare Saldo spricht immer gegen uns.

die Kunst, die das Leben erleichtert, ohne daß es deshalb leichter würde zu leben

Die Welt gehört demjenigen, der nicht fühlt. Die wesentliche Vorbedingung, um ein praktischer Mensch zu sein, ist ein Mangel an Sensibilität. Die beste Vorbedingung für die Praxis des Lebens ist die Triebkraft, die zum Handeln führt, das heißt der Wille. Nun gibt es aber zwei Dinge, die das Handeln beeinträchtigen - die Sensibilität und das analytische Denken, das letztlich nichts anderes ist als ein Denken mit der Sensibilität.

Jeder Mensch der Tat ist seinem Wesen nach lebhaft und optimistisch, weil, wer nicht fühlt, glücklich ist.

Und so schleppe ich mein Leben damit hin, das zu tun, was ich nicht will, und das zu erträumen, was ich nicht haben kann, absurd wie eine stehen- gebliebene öffentliche Uhr. Nur die zarte, aber feste Sensibilität, der lange, aber vollauf bewußte Traum, bilden in ihrer Gesamtheit mein Halbschattenprivileg.

Lezten Endes bleibt von diesem Tage das, was vom gestrigen blieb und vom morgigen bleiben wird: die unersättliche und nicht zählbare Begierde, immer derselbe und ein anderer zu sein.

Ich stelle fest, daß ich mich, so oft ich heiter, so oft ich zufrieden bin, doch immer traurig fühle.

Es gibt keinen Spiegel, der uns selber als äußere Wesen zeigen könnte, weil es keinen Spiegel gibt, der uns aus uns selbst herausziehen könnte.

Ich lasse mich treiben, bin ganz sinnliche Aufmerksamkeit, ohne Gedanken und ohne Gefühl. Ich bin früh aufgewacht; ich bin ohne Vorurteile auf die Starße getreten. Ich schaue alles prüfend an wie ein Grübler. Ich sehe wie einer, der nachdenkt. und ein leichter Gefühlsnebel erhebt sich absurd in mir; der Nebel, der draußen emporsteigt, scheint langsam in mich einzudringen. Ohne es zu wollen fühle ich, daß ich soeben über mein Leben nachgedacht habe. Ich habe es selbst nicht bemerkt, aber so ist es gewesen. Ich meinte, ich sähe und hörte nur, ich wäre während meines ganzen müßigen Umher- schlenderns nur ein Reflektor von vorgegebenen Bildern gewesen, eine weiße spanische Wand, auf welche die Wirklichkeit Farben und Licht anstelle von Schatten projeziert. Aber es war mehr, ohne daß ich es selber gewußt hätte. Es war die sich verleugnende Seele mit im Spiel, und sogar mein abstraktes Beobachten war noch eine Verneinung.

Jetzt erklingen - es sind wohl acht, aber ich zähle sie nicht - die Schläge einer Glocke oder einer großen Uhr. Ich erwache von mir selber durch das banale Vorhandensein von Stunden, Einschnitten, die das Leben in der Gesellschaft der Fortdauer der Zeit auferlegt, Grenze im Abstrakten, Trennstrich im Unbekannten. Ich erwache von mir selbst und, während ich alles betrachte, nun schon voller Leben und gewohnter Menschlichkeit, bemerke ich, daß der Nebel, der sich vom ganzen Himmel verzogen hat, wahrhaft in meine Seele eingedrungen ist. Gleichzeitig ist er ins Innere aller Dinge eingedrungen, dorthin, wo sie Berührung mit meiner Seele haben. Ich habe die Vision dessen, was ich sah, eingebüßt. Ich bin mit Sehlicht erblindet. Ich fühle schon mit der Banalität des bereits Bekannten. Dies ist jetzt nicht mehr die Wirklichkeit: es ist einfach Leben.

Ich bin der Zwischenraum zwischen dem, was ich bin, und dem, was ich nicht bin, zwischen dem, was ich träume, und dem, was das Leben aus mir gemacht hat, der abstrakte und leibliche Mittelwert zwischen Dingen, die nichts sind, da ich ebenfalls nichts bin. Welche Unruhe, wenn ich fühle, welch Unbehagen, wenn ich denke, welche Nutzlosigkeit, wenn ich will!

den Jackenkragen des kaufmännischen Angestellten über den Hals des Dichters hochgeschlagen, der seine Stiefel immer im gleichen Geschäft einkauft, dabei unbewußt den Pfützen des kalten Regens ausweicht und ständig von der Sorge geplagt wird, seinen Regenschirm und die Würde der Seele zu Hause vergessen zu haben.

Ich bin es müde, geträumt zu haben, freilich nicht müde zu träumen.

Ich verdanke meinem Buchhalterdasein einen Großteil dessen, was ich fühlen und denken kann, als Verneinung meines Jobs und Flucht vor ihm.

eine Wahrnehmung heiterer, einen Gedanken trauriger.

Doch die selbstauferlegte Absonderung von den Zwecken und Bewegungen des Lebens, der von mir selbst gewollte Bruch im Umgang mit den Dingen haben mich genau zu dem gebracht, wovor ich zu flüchten versuchte. Ich wollte das Leben nicht spüren, wollte die Dinge nicht anrühren, weil ich aus der Erfahrung meines Temperaments im Umgang mit der Welt wußte, daß die Wahrnehmung des Lebens für mich schmerzhaft sein würde. Doch indem ich diese Berührung scheute, isolierte ich mich und, indem ich mich isolierte, steigerte ich meine ohnehin übertriebene Sensibilität noch mehr. Wenn es möglich wäre, die Berührung mit den Dingen ganz und gar abzubrechen, würde das für meine Sensibilität wohltätig sein. Aber diese totale Isolierung läßt sich nicht verwirklichen. So wenig ich tun mag, ich atme immerhin, so wenig ich vorhanden sein mag, ich bewege mich doch. Und indem ich meine Sensibilität durch die Isolierung anstachele, bewirkte ich, daß selbst Kleinigkeiten, die sogar mir zuvor nichts ausgemacht haben würden, mich wie Katastrophen treffen. Ich habe mich in der Fluchtmethode geirrt. Ich bin auf einem unbequemen Umweg zu genau denselben Ort geflüchtet, an dem ich mich bereits befunden hatte, und zu dem Entsetzen, dort leben zu müssen, habe ich mir zusätzlich Reisemüdigkeit eingehandelt.

Wer leidet, leidet allein.

Obwohl ich mir nie über diejenigen, die sich meine Freunde nannten, Illusionen gemacht habe, war ich doch immer imstande, von ihnen enttäuscht zu werden - so verwickelt und subtil ist meine Leidensfähigkeit. Da ich nie in mir Eigenschaften entdeckt habe, die jemanden anziehen konnten, konnte ich auch nie glauben, daß sich jemand von mir angezogen fühlen könnte. Diese Meinung verriet törichte Bescheidenheit, wenn sie nicht von immer neuen Vorkommnissen - jenen unerwarteten Vorkommnissen, die ich erwartet hatte - wieder und wieder bestätigt worden wäre.

Mein ganzes Leben hat darin bestanden, mich an diesen Zustand anpassen zu wollen, ohne seine Grausamkeit und Verwerflichkeit allzu sehr spüren zu müssen.

Der Erfolg liegt im Erfolghaben, nicht darin, daß man die Vorraussetzung zum Erfolg besitzt.

Für den Normalmenschen heißt fühlen leben und denken heißt zu leben verstehen. Für mich heißt denken leben und das Fühlen liefert mir nicht mehr als Nahrung für mein Denken.

visuelle Zärtlichkeit, eine Liebkosung der Intelligenz

Ich verzweifle in zerrissener Seide. Und ich frage den verbleibenden Rest meines Bewußtseins, wozu es mir nütze war, so viele Seiten mit Sätzen zu füllen, an die ich glaubte, weil es meine eigenen waren, mit Gefühlen vollzustopfen, die ich als erdacht empfand.

Umgang mit Schatten

Die Gefühle, die am meisten schmerzen, die Gefühlswallungen, die am meisten quälen, sind diejenigen, die ganz absurd sind - Verlangen nach unmöglichen Dingen, eben weil sie unmöglich sind, Sehnsucht nach dem, was nie gewesen ist, Wunsch nach dem, was gewesen sein könnte, Kummer darüber, nicht ein anderer zu sein, Unzufriedenheit mit der Existenz der Welt. Alle diese Halbtöne des seelischen Bewußtseins schaffen in uns eine schmerzerfüllte Landschaft, einen ewigen Sonnenuntergang dessen, was wir sind. Unser Selbstgefühl ist dann ein verlassenes Feld in der Abenddämmerung, traurig mit Schilf bestanden neben einem Fluß ohne Schiffe, der hell zwischen entfernten Ufern dunkelt.

zu schauen genügt mir auf zärtliche Weise.

Um glücklich zu sein, muß man wissen, daß man glücklich ist. Es gibt kein Glück außer einem Glück bei vollem Bewußtsein. Aber das Bewußtsein des Glückes ist unglücklich; denn sich glücklich wissen heißt einsehen, daß man durch das Glück hindurchgeht und es alsbald hinter sich lassen muß. Wissen heißt töten, im Glück wie in allem übrigen. Nicht wissen jedoch heißt nicht existieren.

Wir sind zwei Abgründe - ein Brunnen, der den Himmel anstarrt.

und lasse dabei zu, daß mich die Wörter streicheln, während ich wie ein kleines Mädchen auf ihrem Schoß sitze.

Die Kunst besteht darin, die anderen Menschen fühlen zu lassen, was wir fühlen, sie von sich selbst zu befreien und ihnen unsere Persönlichkeit für diese besondere Befreiung vorzuschlagen.

und ich mit geschlossenen Augen all das, was ich gesagt haben könnte, wie eine Katze streichle.


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