Rainer Maria Rilke
   
   
Herbsttag
 
Herbst
 
 
  Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
  Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
  und auf den Fluren laß die Winde los.
  
  Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
  gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
  dränge sie zur Vollendung hin und jage
  die letzte Süße in den schweren Wein.
  
  Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
  Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
  wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
  und wird in den Alleen hin und her
  unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
  
 
  Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
  als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
  sie fallen mit verneinender Gebärde.
  
  Und in den Nächten fällt die schwere Erde
  aus allen Sternen in die Einsamkeit.
  
  Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
  Und sieh dir andre an: es ist in allen.
  
  Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
  unendlich sanft in seinen Händen hält.
  
 




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Herbst
mcn