Rainer Maria Rilke
Menschen bei Nacht

Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht.
Von deinem Nachbar trennt dich die Nacht,
und du sollst ihn nicht suchen trotzdem.
Und machst du nachts deine Stube licht,
um Menschen zu schauen ins Angesicht,
so musst du bedenken: wem.

Die Menschen sind furchtbar vom Licht entstellt, 
das von ihren Gesichtern träuft,
und haben sie nachts sich zusammengesellt,
so schaust du eine wankende Welt
durcheinandergehäuft.
Auf ihren Stirnen hat gelber Schein
alle Gedanken verdrängt,
in ihren Blicken flackert der Wein,
an ihren Händen hängt
die schwere Gebärde, mit der sie sich
bei ihren Gesprächen verstehn;
und dabei sagen sie: Ich und Ich
und meinen: Irgendwen.
Du machst mich allein

Du machst mich allein. Dich
einzig kann ich vertauschen.
Eine Weile bist du, dann wieder ist es das Rauschen. 
oder es ist ein Duft ohne Rest.
Ach in den Armen hab ich sie alle verloren,
du nur du wirst in mir wiedergeboren,
weil ich niemals dich anhielt,
halt ich dich fest.
Zurück zur Homepage