From: gunnar@fasel.robin.de (Gunnar Z.)
Subject: Die Geschichte vom Rotgoldenen Drachen und dem Ritter.
Date: Fri, 9 Jul 1993 20:13:27 +0200


        Die Geschichte vom rotgoldenen Drachen und dem Ritter

                                 ---

  Es begab sich zu einer Zeit, als es noch kein IRC gab, kein Inter-
net, keine Computer, und noch nicht einmal mechanische Schreibma-
schinen. Dafuer es gab Jungfrauen, mehr oder minder hold, Koenig-
reiche, mehr oder minder gross, und natuerlich Drachen.
  In einem der oben erwaehnten Koenigreiche lebte eine der oben er-
waehnten Jungfrauen, welche etwa so hold war wie Bo Derek als Jungfrau
gewesen waere, und vertrieb sich die Zeit damit, die Tochter des dort
ansaessigen Koenigs zu sein. In dem Koenigreich lebte auch noch ein
Drache, zumindest wurde das von nicht wenigen Bewohnern behauptet,
obwohl keiner von sich selbst behaupten konnte, den Drachen jemals mit
eigenen Augen gesehen zu haben. Dafuer konnte man von Zeit zu Zeit die
Spuren seiner Heimsuchungen erblicken, und seit einigen Jahren hatte
dies zugenommen. Und Jedermann (natuerlich auch jede Frau, selbst die
Kinder) im Koenigreich wusste, wo man diesen gar schrecklichen Drachen
finden konnte, wenn man es denn darauf anlegte.
  Der Koenig dieses Reiches, im vollen Bewusstsein seiner Verantwortung
fuer seine Untertanen, liess eines Tages im ganzen Koenigreich und in den
benachbarten verkuenden, dass derjenige Ritter, der den Drachen zur
Strecke bringe, seine Tochter zur Frau und einen Teil seines Koenig-
reiches dafuer haben koenne.
  Natuerlich war aber das Wissen um die Schroecklichkeit des Drachen
schon bis in saemtliche Nachbarreiche vorgedrungen, sodass sich lange
Zeit niemand meldete. Eines Tages jedoch, etwa um die Zeit, als der
Koenig gerade seinen Nachmittagstee zu sich genommen hatte, und sich
etwas Zeit nahm, um ueber die neueste Erfindung seines Hofschmiedes
nachzudenken (dieser, der Schmied naemlich, nannte es eine "Schreib-
maschine", ein klobiges Geraet mit vielen Tasten, denen der Koenig, da
er selbst nicht lesen konnte, keine Bedeutung zuzuordnen vermochte,
und das mit einem grossen Hammer bedient werden musste), klopfte es am
Schlosstor, und draussen sass ein Ritter in silbriger Ruestung auf einem
schwarzen Pferd.
  Die Wachen fanden zwar, dass der Ritter mit seiner Feder am Helm ein
wenig laecherlich aussaehe; als dieser jedoch erwaehnte, dass er vorhabe,
sich mit dem Drachen zu messen, informierten sie sofort den Koenig,
welcher gerade beschlossen hatte, die Hoffnung aufzugeben, dass sich
noch jemand auf seine Anzeige melden mochte. Der Koenig sprang aus
seinem Sitz, und befahl, den Fremden sofort einzulassen, was dann auch
getan wurde. Er selbst bemuehte sich in den Hof, um zu sehen, wer das
Wagnis auf sich nehmen wolle.
  Als der Koenig im Hof ankam, hatte man den fremden Ritter bereits
ein- und vom Pferd herabgelassen, und dieser ging dem Koenig gemessenen
Schrittes entgegen. Eine eigentlich ehrfurchtgebietende Erscheinung,
gross, und mit dieser silbrig glaenzenden Ruestung, wenn nur nicht diese
laecherliche Feder an seinem Helm waere, so dachte der Koenig als er den
Ritter sah. Der Ritter jedoch, als er in angemessener Entfernung vom
Koenig angehalten und sich unter grossen Problemen hingekniet hatte,
trug sein Ansinnen ohne Umschweife vor, und der Koenig beschloss, dass es
wohl einen Versuch wert sei. Schliesslich hatte sich kein anderer
Bewerber gemeldet.
  Die Tochter des Koenigs aber, die die Ankunft des Ritters von ihrem
Balkon aus verfolgt, fiel bei dem Gedanken, den Traeger dieser Feder
womoeglich heiraten zu muessen, fast in Ohnmacht.
  Am Abend dieses Tages fand ein Bankett zu Ehren des wagemutigen
Fremden statt, zu welchem dieser seine Ruestung gegen eine dieser
unmoeglichen Pluderhosen samt dazugehoeriger Garderobe, wie man sie
heute nur noch aus diesen schlechten Ritterfilmen von MGM kennt,
eingetauscht hatte. Die Feder trug er allerdings immer noch, und zwar
an seiner Muetze. Die Prinzessin jedoch nahm nicht am Bankett teil; sie
war unpaesslich, wie es sich fuer eine Jungfrau in dieser Situation
gehoerte.
  Waehrend des Banketts verhandelte der Koenig und seine Berater mit dem
Ritter ueber die Bezahlung fuer diesen gefahrvollen Auftrag, und nach
kurzer Verhandlung einigte man sich darauf, dass sowohl die Tochter des
Koenigs und alle damit einhergehenden Privilegien, als auch der Teil
des Koenigreiches, in dem der Berg stand, in dem der bis dahin wohl
erschlagene Drache hauste, drin sein muesse, damit es sich lohne, das
Risiko einzugehen.
  Der Ritter schlug also ein, der Koenig ihm fast nichts aus, und schon
am naechsten Tage ging es los. Der Ritter legte wieder seine Konserve
an, liess aber auf Anraten des Koenigs die Feder weg, da diese, so sagte
wenigstens der Koenig, doch ein wenig zu auffaellig sei.
  Der Berg war weiter weg, als der Ritter angenommen hatte, und in der
Nacht raechte es sich, dass diese praktischen, weil schnell aufzuschla-
genden Igluzelte noch nicht erfunden worden waren. Der Ritter konnte
sein Pferd nicht allein verlassen, musste also zum schlafen mitsamt
seinem Pferd an einem Baum lehnen, damit sie beide waehrend der Nacht
nicht umfielen. Und in der Mitte der Nacht, also um Mitternacht, fing
es an zu regnen.
  Als der Regen aufhoerte, war der Ritter unter seiner Ruestung voellig
durchnaesst, und das Pferd ein wenig eingesunken, aber irgendwie
schafften es beide doch, am naechsten Morgen weiterzukommen. Gegen
Nachmittag dieses Tages erreichten beide die Drachenhoehle.
  Die Hoehle war erwartungsgemaess gar finster, und von drinnen hoerte er
ein grausiges Grollen und Knurren.
  In der Hoehle sass der Drache, der eine schreckliche Erkaeltung hatte,
weil er am Abend zuvor ohne seine Gummistiefel draussen gewesen war, in
der heissen Quelle, die er als seine Badewanne benutzte, und fluchte
und nieste vor sich hin. Der Drache waere eine imposante Erscheinung
gewesen, mit seinen fast 17 Metern Laenge (ohne Schwanz) und seinen
rotgolden schimmernden Schuppen und seinem maechtigen Kopf, wenn nicht
seine Nase vom vielem Abwischen schon ganz rot gewesen waere, und er
nicht so klaeglich aus der Waesche geschaut haette. Aber ansonsten war er
ein richtiger Drache, schrecklich furchteinfloessend, mit grossen Zaehnen
und einer gespaltenen Zunge, mit der er jedoch, entgegen dem, was man
vermuten sollte, zumeist die Wahrheit sprach.
  Zurueck zum Ritter: dieser sammelte zunaechst all seinen Mut, bevor er
es wagte, und in die Hoehle trat. Es war dunkel, so dunkel, dass er
nicht einmal die innenseite seines Helms mehr sehen konnte, und er
hatte keine Fackel dabei. Er suchte seinen Weg, indem er mit seiner
Blechhandschuhbewehrten Hand immer an der Wand entlangkloepfelte, bis
er vor sich schliesslich Licht sah.
  Der Gang, durch den er gekloetert war, oeffnete sich in eine riesige
Hoehle, die, obwohl er keine Fackeln oder aehnliches sah, hell erleuch-
tet war. Noch immer hoerte er dieses Grollen und Knurren, und es schien
aus dem Gang auf der anderen Seite der Hoehle zu kommen. Mutig schlich
er, so gut es in seinem Anzug halt ging, durch diese riesige Hoehle,
und sah sich dabei um. Das Licht, das den Raum erhellte, schien von
einem seltsamen Gebilde aus einer Ecke der Hoehle zu kommen, welches
etwa 7 Meter hoch war, und oben drauf so etwas wie einen leuchtenden
Hut hatte. Von diesem Gebilde ging eine Schnur weg zu einem Loch in
der Wand, worin sie verschwand. Ansonsten war die Hoehle voellig normal
eingerichtet, es gab einen Sessel, ein Sofa, ein Bett, Tisch,
Schraenke, usw. usw., und vor dem Loch, aus dem das Grollen kam, lag
etwas, das in Schaetzungsweise 600 Jahren unter der Bezeichnung
Badematte Einzug in fast alle Haeuser halten wuerde. Er ging weiter,
dorthin, wo er das Ungetuem vermutete, und schritt schliesslich heraus
aus dem Licht, in die erneute Finsternis dieses zweiten Ganges hinein.
  Der Drache sass in seiner Badewanne, und schimpfte immer noch vor
sich hin, als er es aus der Richtung seiner Wohnhoehle metallisch
scheppern hoerte. Da er sich wirklich nicht in der Verfassung fuer
irgendwelche bloeden Kaempfe mit mindestens ebenso bloeden Rittern
fuehlte, beschloss er, in seiner Wanne sitzenzubleiben, um abzuwarten,
was passieren wuerde. Und wenig spaeter hoerte er, wie sich dieses Ge-
scheppere weiter auf ihn zu bewegte.
  Der Ritter muehte sich durch den naechsten dunklen Gang, und waehrend
er sich den Weg ertastete, bemerkte er, dass das Grollen und Knurren
einem leisen Schnaufen gewichen war. Seine Anspannung erreichte den
Hoehepunkt, als sich der Gang in eine weitere, allerdings recht
schlecht erleuchtete Hoehle oeffnete, in der sich ausser ihm offensicht-
lich auch der Schnaufer befand. Der Ritter sah sich angestrengt um,
und endlich sah er, etwa in der Mitte der Hoehle, etwas, das sich
bewegte, und das er fuer den Drachen hielt. Tapfer schritt er darauf
zu, sein Schwert vor sich haltend.
  Der Drache in seiner Wanne sah den Ritter sofort, als dieser sein
Bad betrat, und fuehlte sich in seiner Vorahnung bestaetigt. Der Ritter
sah sich um, und als er, das Schwert vor sich herschiebend, auf den
Drachen zukam, verspuerte dieser ein heftiges Kribbeln in der Nase,
und bevor er sich versah, entfuhr ihm ein gewaltiger Nieser, und noch
einer, und dann noch ein weiterer. Der Ritter wurde von den Niesern
des Drachen erfasst, und wieder in die Hoehle zurueckgeschleudert, aus
der er grad gekommen war. "Entschuldigung", brummelte der Drache.
  Der Ritter dachte zunaechst, er hoere nicht richtig. Hatte dieser
Lindwurm sich wirklich fuer seinen heimtueckischen Angriff entschul-
digt? Er brauchte recht lange, bevor er wieder auf seinen Fuessen stand,
die Ruestung war doch recht unhandlich, aber als er wieder beide Beine
auf der Erde und sein Schwert in der Hand hatte, startete er sofort
einen erneuten, verwegenen Angriff.
  Der Drache wartete darauf, was nun geschehen wuerde, da er aus dem
Gang ein recht interessantes Kloetern und Scheppern vernommen hatte.
Nach recht kurzer Zeit kam der Ritter wieder, versuchte, gefaehrlich
auszusehen, als er auf den Drachen zuschritt, und als er den Abstand
zwischen dem Eingang und der Wanne zur Haelfte durchquert hatte, blieb
er stehen und rief: "Stell Dich zum Kampf, Elender".
  Der Drache verdrehte die Augen. Musste dieser Blechclown ausgerechnet
heute kommen, wo er doch so erkaeltet war? Als er dies dachte, spuerte
er wieder ein Kribbeln in der Nase, doch diesmal gelang es ihm, den
Nieser zu unterdruecken, und statt des kraeftigen "Hatschi" erklang ein
gedaempftes "Hrmpf". Und da kam dem Drachen eine Idee.
  Als er den Drachen wieder grollen hoerte, rutschte unserem Ritter
fast das Herz in die Dose, aber er blieb standhaft, und ruehrte sich
nicht von der Stelle. "Sag dem Koenig, er kann seine Goere behalten",
sprach der Drache ploetzlich, und klang dabei leicht verschnupft. Dem
Ritter fiel vor Erstaunen fast das Schwert aus der Hand.
  "Was war das?", fragte er, und vergass fast voellig, dass er dieses
elende Geschoepf eigentlich vor seinen Schoepfer fuehren wollte.
  "Vergiss es", sagte der Drache, "ich werde dieses Weib nicht ent-
fuehren. Ich habe keine Lust. Ich habe fast 35 Jahre gebraucht, um mich
von der letzten Prinzessin zu erholen, und ich sehe nicht, wo diese
besser sein soll!". Dem Ritter klappte der Mund auf, und sein Unter-
kiefer schlug leicht gegen die Helminnenseite. "Du kannst also genau-
sogut wieder gehen.", sagte der Drache, und stuetzte seine Ellenbogen
auf den Rand seiner Wanne, und seinen maechtigen Kopf auf die Vorder-
pranken.
  Der Ritter verstand gar nichts von dem, was der Drache da sagte. Er
stand herum und sah den Drachen entgeistert an. Der Drache seiner-
seits, der die Verwirrung des Ritters bemerkte, sah diesen begeistert
an. Neben dem Schnupfen sass ihm nun auch der Schalk im Nacken, und so
fuhr er fort: "Ich weiss, dass er seinen Antrag schon vor sieben Jahren
abgegeben hat, aber ich habe ihm damals schon gesagt, dass mein Termin-
kalender voll ist."
  "Aber...", stammelte der Ritter, "ich bin eigentlich nicht deswegen
gekommen...". "Nimm doch mal diese Tuete ab", sagte der Drache, und mit
einem Augenzwinkern verwandelte er das Blech des Helms in gruene, glib-
berige Waldmeistergoetterspeise, die auch sofort anfing, vom Kopf
herunter und in die Ruestung zu laufen, wo sie sich mit dem Resten des
Regenwassers der letzten Nacht vermischte. "Ich sehe halt gern, mit
weh- he- he...", und wieder nieste der Drache, und die Reste des
Helms, die noch nicht in der Ruestung klebten, wurden vom Kopf des
Ritters an die Wand hinter ihm geschleudert, wo sie sofort wieder mit
dem herunterlaufen anfingen. "... mit wem ich rede.", vollendete der
Drache seinen Satz, und sah hinunter zu dem Ritter, der sich, waehrend
er starr auf dem Drachen blickte, ueberlegte, dass dies wahrscheinlich
der passende Moment sei, um entweder in Ohnmacht zu fallen, oder sich
aus der Zeitung vom Vortag einen Hut zu falten, den aufzusetzen, und
auf allen Vieren in einem Schweinestall herumzuspringen.
  Der Drache grinste in sich hinein. "Sind sie eigentlich angemeldet?"
fragte er den Ritter. Das war zuviel. Dem Ritter wurde schwarz vor dem
Augen, und mit einem lauten Scheppern fiel er ruecklings um und blieb
liegen.
  Irgendwie tat ihm der Ritter schon leid, und so stieg der Drache aus
der Wanne, schuettelte das Wasser ab, wobei er noch einmal heftig
nieste, klemmte sich dann den Ritter unter einen Arm und trug ihn in
seine Wohnhoehle, wo er ihn auf den Sessel bettete. Das Schwert legte
er neben den Ritter. Der Drache selbst schlurfte noch einmal mit einem
grossen Becher zurueck zu seiner Badehoehle, ging um die Badequelle
herum zu einer kleineren Quelle, wo er sich die Tasse mit heissem, gut
geschwefeltem Schlamm fuellte. Dann ging er zurueck, und flezte sich auf
das Sofa, wo er den Schlamm trank und darauf wartete, dass der Ritter
wieder zu sich kam.
  Als der Ritter erwachte, waehnte er sich zunaechst auf seinem Pferd,
an einen Baum gelehnt, und frisch aus einem schlechten Traum erwacht,
bis er bemerkte, dass seine Schlafposition nicht zu dieser Annahme
passte. Er oeffnete die Augen, und sah, dass er sich in einer Hoehle
befand, die recht hoch war, und offensichtlich einen gepolsterten
Boden hatte. Da er sich nicht erinnern konnte, dass in seinem Traum
eine solche Hoehle vorgekommen war, sah er sich ein wenig um, und als
er den Blick nach links wendete, sah er den Drachen, welcher ihn
friedlich angrinste, und in seiner linken Klaue einen Becher hielt.
  "Gehts?", fragte der Drache. Der Ritter war sofort wach, sprang auf
die Fuesse, was sich auf dem Sessel wegen der Federung und dem Gewicht
seiner verbliebenen Ruestung nicht so einfach war, und sah sich auch
gleich nach seinem Schwert um. Dieses fand er, indem er darauf trat,
waehrend er versuchte, auf dem wackligen Boden im Gleichgewicht zu
bleiben, und griff sofort danach, was zur Folge hatte, dass er zwar das
Schwert bekam, dafuer aber das Gleichgewicht verlor, und vom Sessel auf
den Boden purzelte, wo er einen Augenblick benommen liegenblieb.
  Der Drache sah amuesiert zu, wie der Ritter sich langsam und unter
einigem Aechzen erhob, um sich dann in Angriffsposition vor dem Drachen
zu postieren. "Jetzt stirbst Du, Wurm, ob Du willst oder nicht!",
bruellte der Ritter und rannte einen geradezu bilderbuchmaessigen An-
griff. "Danke", sagte der Drache, und nahm dem Ritter mit einer
schnellen Bewegung den hoelzernen Zahnstocher im Drachenformat aus der
Hand, den dieser seit dem letzten Augenzwinkern des Drachen anstelle
des Schwertes in der Hand hielt. Sofort fing er dann auch an, sich
damit in den Zaehnen herumzustochern, waehrend der Ritter wie vom Donner
geruehrt stehenblieb und auf seine leeren Haende starrte, und "Das ist
nicht fair", stoehnte.
  "Also", fragte der Drache, "warum willst Du mich denn toeten?".
  "Weil es Tradition ist", antwortete der Ritter, und versuchte zu
ueberlegen, wie er sich hier nun moeglichst ehrenvoll herauswinden
koenne.
  "So", sagte der Drache, "weisst Du denn nicht, dass ich als der letzte
lebende Drache in diesem Koenigreich unter Naturschutz stehe?"
  "Naturschutz? Was ist denn das?", fragte der Ritter perplex, und der
Drache verdrehte wieder die Augen. "Also, das ist so:", sagte der
Drache geduldig, "wenn Du mich toetest, dann wird der Koenig Dich in den
Kerker werfen lassen muessen, weil er sonst Aerger mit dem Tierschutz-
verein bekommt."
  Der Ritter fuehlte sich, als waere sein Kopf mit Watte ausgestopft.
Was war denn das nun wieder? Warum, so fragte er sich, sollte der
Koenig ihn hergeschickt haben, wenn dies wahr waere? Der Drache ver-
suchte derweil, moeglichst unschuldig zu laecheln, was bei seinem Gebiss
jedoch kein leichtes Unterfangen war.
  "A propos Tradition, wie genau soll das eigentlich aussehen?",
bemerkte der Drache, als der Ritter eben schwer am Ueberlegen war, was
nun zu tun sei. "Naja", sagte der Ritter, "das ist so: wenn ich Dich
toete, bekomme ich die Prinzessin und Deinen Berg. Das war schon seit
Alters her so, dass Drachen von Rittern erschlagen wurden".
  "War es das? Ich persoenlich kenne keinen Drachen, der erschlagen
wurde. Die meisten sind an Langeweile gestorben. Und dann der Eine,
der sich in seinem Badesee ertraenkt hat, nachdem ihn die Prinzessin,
die er entfuehrt hatte, durch ihr staendiges Gequengele 7 Naechte
hintereinander um den Schlaf gebracht hatte." bemerkte der Drache, und
wurde nachdenklich. "Hatten diese Ritter sich eigentlich alle vorher
angemeldet?" fragte er.
  Der Ritter fing an, herumzutoben. "Hoer mit Deinen Anmeldungen auf!",
schrie er den Drachen an, welcher sich daraufhin ein wenig hinter das
Sofa beugte, damit der Ritter nicht sehen konnte, dass er muehevoll ein
Lachen unterdrueckte. Der Drache griff in eine nahestehende Kommode und
zog eine grosse Steinplatte hervor. "Mein Terminkalender", stellte er
sie vor, und der Ritter wurde blass. "Lass mich einmal schauen, hmmm..."
brummelte der Drache, "in diesem Jahrhundert sieht es schlecht aus.
Wie waere es in 74 Jahren? Da habe ich noch Luft."
  "Aber in 74 Jahren lebe ich doch gar nicht mehr", jammerte der
Ritter.
  "Tja", bemerkte der Drache, "das ist ja dann wohl Dein Problem. Aber
ich habe eine Idee."
  "Ja?", fragte der Ritter hoffnungsvoll.
  "Nun, ich haette uebernaechstes Jahr etwa 2 Monate, die ich freimachen
koennte, vorausgesetzt, dass Du mir da einen Behoerdengang abnimmst.
Glaubst Du, dass das geht?", fragte der Drache den Ritter, dessen Augen
vor dem Wort "Behoerde" noch ein wenig hoffnungsvoll leuchteten, und
dessen Gesicht danach in sich zusammenfiel.
  "Ich weiss nicht recht", sagte er leise, "ob ich das kann... ich war
noch nie bei einer Behoerde, ausser beim TUeV, wegen der Ruestung."
  "Aber aber, so ein mutiger Ritter wie Du wird doch keine Angst vor
einem Pferd haben! Immerhin hast Du Dich an einen echten Drachen
herangetraut!", bemerkte der Drache schnell, und sofort glomm der
Funke der Hoffnung im Auge des Ritters wieder auf. "Pferd?", fragte
er, und der Drache antwortete "Ja, es heisst doch der Amtsschimmel!"
  "Oh ja", freute sich der Ritter, "mit einem Pferd werde ich fertig.
Und dann darf ich wiederkommen und Dich toeten?", fragte er hoffnungs-
voll.
  "Ich werde es in meinem Terminkalender eintragen. So, und nun zu
dem, was Du dann fuer mich erledigen musst: Ich will meine Hoehle erwei-
tern, und brauche dazu eine Baugenehmigung." Der Drache liess sich
darueber aus, dass er einen Antrag darauf schon vor Jahren abgeschickt
habe, aber noch einmal jemand deswegen persoenlich hinmuesse, um noch
ein paar Kleinigkeiten zu klaeren. Natuerlich erzaehlte er dem Ritter
diese Kleinigkeiten, und immer noch den Gedanken an das Pferd im
Hinterkopf, stimmte der Ritter zu. Das war natuerlich die beste Loesung,
erst den Amtsschimmel besiegen, vor dem die ganze Welt Angst hatte,
und dann noch einen Drachen erschlagen, so wuerde er Eingang in die
Geschichtsbuecher finden, und man wuerde noch ueber seine Heldentaten
berichten, wenn es schon lange keine Koenigreiche oder Jungfrauen,
dafuer aber mechanische Schreibmaschinen, Computer, das Internet und
IRC geben wuerde.
  Also zog er los, und so kam es dann, dass der Ritter sich mit dem
Amtsschimmel anlegte, und letztlich daran scheiterte, dass sein
Schwert, welches der Drache ihm fuer diese Aufgabe zurueckgegeben hatte,
keine ZZF Zulassung hatte, woraufhin er fuer 74 Jahre eingekerkert
wurde. Der Koenig und seine Tochter warten moeglicherweise heute noch
auf die Rueckkehr des Ritters, wenn sie nicht zwischenzeitlich
gestorben sind.
  Der Drache aber, welcher eigentlich gedacht hatte, dass der Ritter
bereits wirr war, als er von Computern und solchem Zeug sprach,
stellte 600 Jahre spaeter fest, dass es wohl eher die letzten klaren
Worte des Ritters waren, sozusagen ein kurzer prophetischer Moment. Er
besorgte sich also (in dieser Reihenfolge) eine Nicht-Jungfau, einen
Computer, und einen Internetanschluss, und ist heute von Zeit zu Zeit
mal auf IRC zu sehen.


Zurück zur Homepage Zur Drachenseite