August Strindberg
Das rote Zimmer



  "Herr Assessor, Sie haben doch nicht gewartet?"
  "Keinen Augenblick; die Uhr hat doch gerade erst sieben geschlagen. Ich danke Ihnen für Ihre Freundlichkeit, hierherzukommen, denn ich muß gestehen, diese Zusammenkunft ist von größter Bedeutung für mich. Kurzum, es gilt meine Zukunft, Herr Struve."
  "Donnerwetter!" Herr Struve zwinkerte, er hatte einen Grogabend erwartet und war aus guten Gründen an ernsten Gesprächen sehr wenig interessiert.
  "Damit wir uns besser unterhalten können", fuhr der Assessor fort, "wollen wir uns hier draußen hinsetzen, wenn Sie nichts dagegen haben, und einen Grog trinken."
  Herr Struve strich sich den rechten Backenbart, drückte sorgfältig seinen Hut auf den Kopf und bedankte sich für die Einladung, aber er war unruhig.
  "Erstens möchte ich Sie bitten, mich nicht mehr Assessor zu titulieren", nahm der junge Mann das Gespräch wieder auf, "das bin ich nie gewesen, sondern bloß Hilfsschreiber, und auch das hat mit dem heutigen Tage sein Ende genommen, und ich bin nur Herr Falk."
  "Was?" Herr Struve sah aus, als hätte er eine feine Bekanntschaft verloren, blieb aber guten Mutes.
  "Sie, ein Mann mit liberalen Ideen. . ."
  Herr Struve versuchte zu Wort zu kommen, aber Falk fuhr fort:
  "Ich habe Sie in Ihrer Eigenschaft als Mitarbeiter der freisinnigen Roten Mütze' hierhergebeten."
  "Oh, ich bin ein ganz unbedeutender Mitarbeiter. . ."
  "Ich habe Ihren geharnischten Artikel zur Arbeiterfrage und allen andern Fragen, die uns am Herzen liegen, gelesen. Wir zählen jetzt unser Jahr III, mit römischen Ziffern, weil unsere Volksvertretung das dritte Jahr tagt, und wir werden unsere Hoffnungen bald verwirklicht sehen. Ich habe im 'Bauernfreund' Ihre vortrefflichen Biographien der führenden Politiker gelesen, dieser Männer aus dem Volke, die endlich vorbringen dürfen, was ihnen so lange schwer auf der Seele lag. Sie sind ein Mann des Fortschritts, und ich schätze Sie sehr!"
  Struve, dessen Blick sich während dieser feurigen Rede nicht belebt hatte, sondern erloschen war, machte sich die Gelegenheit zunutze und ergriff eifrig das Wort:
  "Ich muß sagen, daß ich die Anerkennung eines jungen und, ich darf wohl sagen, hervorragenden Menschen wie Sie, Herr Assessor, mit wirklicher Freude vernehme, aber andererseits - warum Dinge berühren, die allzu ernster, wenn nicht gar trauriger Natur sind, wo wir uns doch im Schoße der Natur befinden, am ersten Frühlingstag, da alles in Blüte steht und die Sonne uns ihre Wärme spendet. Lassen Sie uns sorglos sein und unser Glas in Frieden trinken! Verzeihung - aber ich, als älteres Semester, wage vielleicht vorzuschlagen. . ."
  Falk, einem Feuerstein gleich, der Stahl suchte und fühlt, daß er in Holz gehauen hat, nahm das Anerbieten ohne Wärme an. Da saßen nun die beiden Duzbrüder und hatten sich nichts mitzuteilen als die Enttäuschung, die ihre Gesichter widerspiegelten.
  "Ich erwähnte vorhin, Bruder", nahm Falk das Gespräch wieder auf, "daß ich heute mit meiner Vergangenheit gebrochen und die Beamtenlaufbahn aufgegeben habe. Ich will nur noch hinzufügen, daß ich Schriftsteller zu werden gedenke."
  "Schriftsteller! Himmel, warum denn das? Bedauerlich!"
  "Es ist nicht bedauerlich; aber ich möchte dich nun fragen, ob du weißt, wohin ich mich wenden kann, um Arbeit zu bekommen?"
  "Hm. . . schwer zu sagen. Von allen Seiten strömen Leute heran. Du solltest das nicht erwägen. Wirklich ein Jammer, daß du deine Laufbahn abbrichst, die des Literaten ist sehr schwer!"
  Struve sah aus, als müsse er Bedauern kundtun, konnte aber eine gewisse Befriedigung, einen Unglücksgefährten zu bekommen, nicht verbergen.
  "Sag mir den Grund", fuhr er fort, "warum du eine Karriere, die Ehre und Macht einbringt, aufgeben willst."
  "Ehre denen, die sich die Macht zuschanzten, und Macht den Rücksichtslosen."
  "Was redest du da! So schlimm ist das wohl nicht!"
  "Nicht? Nun, lassen wir das. Ich will dir nur einen Einblick in eines der sechs Ämter geben, denen ich zugeteilt war. Die ersten fünf verließ ich sofort, aus dem einfachen Grund, weil es dort nichts zu tun gab. Jedesmal, wenn ich hinkam und fragte, ob etwas zu tun sei, war die Antwort: Nein! Und ich sah auch nie einen, der etwas tat. Dabei waren das so wichtige Ämter wie das Kollegium für Branntweinbrennerei und die Kanzlei für Besteuerung und die Generaldirektion für Beamtenpensionen. Und als ich die Massen von Angestellten erblickte, die hier herumkrochen, fiel mir ein, das Amt, das ihnen allen Gehälter auszahlt, müsse doch zu tun haben. Also ließ ich mich ins Kollegium für die Auszahlung von Beamtengehältern versetzen."
  "Dort warst du?" fragte Struve, der aufhorchte.
  "Ja. Ich werde niemals den Eindruck vergessen, den dieses gut- und durchorganisierte Amt auf mich gemacht hat. Ich ging um elf Uhr vormittags hin, da um diese Zeit geöffnet werden sollte. Im Vorzimmer lagen zwei Amtsdiener quer über einen Tisch und lasen das ,Vaterland'."
  "Das 'Vaterland'?" Struve, der den Spatzen Zucker hingeworfen hatte, spitzte die Ohren.
  "Ja! Ich sagte guten Morgen. Eine schwache Schlangenbewegung der Rücken beider Herren deutete an, daß mein Gruß nicht ausgesprochen unwillig aufgenommen worden war. Der eine bewegte sogar den rechten Stiefelabsatz ein wenig, was wohl einem Handschlag gleichkommen sollte. Ich fragte, ob einer der Herren frei sei und mir die Räumlichkeiten zeigen könne. Sie erklärten, verhindert zu sein: sie hätten Order, das Vorzimmer nicht zu verlassen. Ich fragte, ob nicht noch andere Amtsdiener da seien. Doch, es wären welche da, aber der Oberamtsdiener hätte Urlaub, der erste Amtsdiener hätte dienstfrei, der zweite hätte Ausgang, der dritte wäre auf der Post, der vierte krank, der fünfte hole Trinkwasser, der sechste wäre auf dem Hof, ,und dort sitzt er den ganzen Tag', und im übrigen pflegt kein Beamter vor ein Uhr zu erscheinen'. Das war ein Wink, mein früher Besuch sei unpassend und Amtsdiener seien auch Beamte.
  Nachdem ich jedoch meinen Entschluß kundgetan hatte, die Amtsräume zu besichtigen, um einen Begriff von der Arbeitseinteilung in einem so mächtigen und großen Amt zu bekommen, erreichte ich, daß der jüngere der beiden mit mir ging. Als er die Tür öffnete, bot sich ein großartiger Anblick: eine Flucht von sechzehn Zimmern, größeren und kleineren. Hier dürfte sich Arbeit finden, dachte ich und spürte, daß ich eine glückliche Idee gehabt hatte. Das Prasseln von sechzehn Birkenholzfeuern in sechzehn Kachelöfen unterbrach die Stille des Ortes auf das angenehmste."
  Struve, der immer aufmerksamer zugehört hatte, holte jetzt zwischen Futter und Stoff seiner Weste einen Bleistift hervor und schrieb eine Sechzehn auf seine linke Manschette.
  "'Hier ist das Zimmer der Aushilfsbeamten', erklärte der Amtsdiener.
  'Aha! Sind viele Aushilfsbeamte hier angestellt?' fragte ich.
  'O ja, es reicht.'
  'Was tun sie denn?'
  'Schreiben natürlich, ein bißchen . . .' Er tat jetzt so vertraulich, daß ich es für angebracht hielt, unsere Unterhaltung abzubrechen.
  Wir durchquerten die Zimmer der Kopisten, Sekretäre, Kanzlisten, des Revisors und des Revisionssekretärs, des Kontrolleurs und des Kontrollsekretärs, des Staatsanwalts, des Zollrechnungsassistenten, Archivars, Bibliothekars, Kämmerers, Kassierers, Treuhänders, Obersekretärs, Protokollsekretärs, des Aktuars, Registrators, Expeditionssekretärs, des Bürochefs und des Expeditionschefs und blieben zuletzt vor einer Tür stehen, an der mit goldenen Buchstaben Der Präsident geschrieben stand. Ich wollte die Tür öffnen und hineingehen, wurde aber vom Amtsdiener, der erschrocken meinen Arm packte und ,Still!' flüsterte, daran gehindert.
  'Schläft er?' konnte ich, einer alten Erzählung gedenkend, nicht unterlassen zu fragen.
  'Um Gottes willen, sprechen Sie nicht! Niemand darf eintreten, ehe der Präsident geklingelt hat.'
  'Klingelt er oft?'
  'Ich habe ihn noch nicht klingeln hören in dem Jahr, seit ich hier bin.'
  Wir schienen wieder auf vertrauliches Gebiet zu geraten, deshalb unterbrach ich ihn.
  Gegen zwölf erschienen allmählich die Hilfsbeamten. Ich war ziemlich überrascht, in ihnen lauter alte Bekannte aus der Generaldirektion für Beamtenpensionen und dem Kollegium für Branntweinbrennerei wiederzuerkennen. Noch größer aber wurde meine Überraschung, als der Kammerverweser von der Besteuerungskommission hereinspazierte und es sich im Zimmer und im Ledersessel des Aktuars bequem machte wie in dem anderen Amt. Ich nahm einen der jungen Herren beiseite und fragte ihn, ob er es nicht zweckmäßig fände, wenn ich dem Präsidenten meine Aufwartung machte. ,Still!' war seine geheimnisvolle Erwiderung, während er mich in das achte Zimmer führte. Wieder dieses geheimnisvolle ,Still!'.
  Das Zimmer, in dem wir uns nun befanden, war ebenso dunkel wie alle anderen, aber schmutziger. Roßhaarbüschel quollen aus den gesprungenen Lederbezügen der Möbel, dicker Staub bedeckte den Schreibtisch, auf dem ein ausgetrocknetes Tintenfaß stand. Dort lagen auch eine unbenutzte Stange Siegellack, in die der frühere Besitzer mit gotischen Buchstaben seinen Namen geritzt hatte, eine Papierschere, die klemmte vor Rost, ein fünf Jahre alter Staatskalender und ein Bogen Packpapier, auf dem mindestens hundertmal Julius Cäsar, Julius Cäsar, Julius Cäsar geschrieben stand, abwechselnd mit Vater Noah, Vater Noah, Vater Noah, ein Datumzeiger war am Johannistag vor fünf Jahren stehengeblieben.
  'Dies ist das Zimmer des Archivars', sagte mein Begleiter, hier sind wir ungestört.'
  'Kommt der Archivar nicht?' fragte ich.
  'Er ist seit fünf Jahren nicht hiergewesen, nun schämt er sich wohl zu kommen.'
  'Und wer tut seinen Dienst?'
  'Der Bibliothekar.'
  'Worin besteht eigentlich die Arbeit in diesem Kollegium für die Auszahlung von Beamtengehältern?'
  'Darin, daß die Amtsdiener Quittungen sortieren, sie chronologisch und alphabetisch ordnen und sie dann zum Buchbinder schicken, wonach der Bibliothekar deren Unterbringung in geeigneten Regalen überwacht."'
  Jetzt schien Struve an dem Gespräch Genuß zu finden, und er notierte sich hin und wieder ein Wort auf seiner Manschette; als Falk eine Pause machte, glaubte er etwas Wichtiges vorbringen zu müssen.
  "Und wie kam der Archivar zu seinem Gehalt?"
  "Man schickte es ihm. Ist das nicht einfach? Mein junger Freund riet mir nun, zum Aktuar hineinzugehen, ihm einen Diener zu machen und ihn zu bitten, mich den anderen Beamten vorzustellen. Sie fanden sich jetzt allmählich ein, um das Feuer in den Kachelöfen zu schüren und die letzte Glut zu genießen. Der Aktuar, erzählte mein Freund, sei eine sehr mächtige wie auch wohlwollende Persönlichkeit und wisse Aufmerksamkeiten zu schätzen. Ich kannte ihn freilich in seiner Eigenschaft als Kammerverweser und hatte einen ganz anderen Eindruck von ihm, aber ich glaubte jetzt meinem Kollegen und trat bei ihm ein.
  In einem breiten Lehnstuhl vor dem Kachelofen saß der Gefürchtete und streckte seine Beine auf einem Rentierfell aus. Er war angestrengt damit beschäftigt, eine mit Handschuhleder bezogene Meerschaumpfeife einzurauchen. Weil er hierbei nicht müßig sein wollte, hatte er sich die ,Postzeitung' vom gestrigen Tag vorgenommen, um sich über die Wünsche der Regierung zu informieren.
  Als ich eintrat, was ihn zu stören schien, schob er seine Brille auf den kahlen Schädel hinauf; das rechte Auge versteckte er hinter dem Zeitungsrand und durchbohrte mich mit dem linken. Ich trug mein Anliegen vor. Er nahm die Meerschaumpfeife in die rechte Hand und schaute nach, wie weit sie gediehen' war. Das schreckliche Schweigen, das nun entstand, bestätigte alle meine Befürchtungen. Er räusperte sich und spuckte aus, daß die Glut laut aufzischte. Dann fiel ihm die Zeitung wieder ein, und er fuhr fort zu lesen. Ich glaubte mein Anliegen mit einigen Variationen wiederholen zu müssen. Da konnte er nicht länger an sich halten. 'Was, zum Teufel, wünschen Sie, Herr? Was haben Sie in meinem Zimmer zu suchen? Was? Kann ich in meinem eigenen Zimmer nicht in Ruhe sitzen, was? Raus, raus, raus! Sie! Sehen Sie nicht, Teufel noch mal, daß ich beschäftigt bin? Sprechen Sie mit dem Obersekretär, wenn Sie was wollen, nicht mit mir!' Ich ging zum Obersekretär.
  Dort tagte seit drei Wochen ein großer Materialausschuß. Der Obersekretär hatte den Vorsitz, und drei Kanzlisten führten Protokoll. Die von den Lieferanten eingesandten Proben lagen auf den Tischen herum, an denen alle unbeschäftigten Kanzlisten, Kopisten und Sekretäre Platz genommen hatten. Man hatte sich soeben, wenn auch unter großen Meinungsverschiedenheiten, für zwei Ballen Papier von Lessebo entschieden und nach wiederholtem Probeschneiden achtundvierzig Scheren des preisgekrönten Erzeugnisses von Gratorp bestellt (von diesem Werk besaß der Aktuar fünfundzwanzig Aktien). Das Probeschreiben mit Stahlfedern hatte eine ganze Woche in Anspruch genommen und das Protokoll darüber zwei Ries Papier verschlungen. Jetzt war man bei den Federmessern angelangt und befaßte sich gerade damit, sie an den schwarzen Tischplatten zu probieren.
  'Ich schlage Sheffields Doppelklinge Nr. 4 ohne Korkenzieher vor', sagte der Obersekretär und hob einen Splitter aus der Tischplatte, so groß, daß man damit ein Feuer hätte entfachen können. Was meint der erste Sekretär dazu?' Dieser, der beim Probeschneiden zu tief geraten und dabei auf einen Nagel gestoßen war, wobei er seine Eskilstuna Nr. z mit drei Klingen beschädigt hatte, stimmte für das vorgeschlagene Fabrikat. Nachdem alle sich geäußert und ihre Meinung genau begründet hatten sowie praktische Proben beigefügt, beschloß der Vorsitzende, zwei Gros Sheffields zu bestellen.
  Dagegen verwahrte sich der erste Sekretär in einer längeren Ausführung, die zu Protokoll genommen, in zwei Exemplaren kopiert, registriert, eingeordnet (alphabetisch und chronologisch), gebunden und vom Kanzleidiener unter Oberaufsicht des Bibliothekars in das entsprechende Regal gestellt wurde. Sein Einspruch atmete warmes vaterländisches Gefühl und sollte vor allem darauf hinweisen, wie notwendig es sei, daß der Staat die einheimischen Manufakturen fördere. Da hierin aber eine Anklage gegen die Regierung lag, es betraf ja einen Beamten der Regierung, mußte der Obersekretär die Regierung verteidigen. Er begann mit der Geschichte des Manufakturdiskonts (bei dem Wort Diskont spitzten alle Hilfsbeamten die Ohren), streifte die ökonomische Entwicklung des Landes in den letzten zwanzig Jahren und vertiefte sich so in Einzelheiten, daß die Uhr der Riddarholm-Kirche zwei schlug, ehe er zum Thema gekommen war. Bei dem fatalen Glockenschlag sprangen alle Beamten von ihren Plätzen auf, als sei Feuer ausgebrochen. Als ich einen jungen Kollegen fragte, was das zu bedeuten habe, antwortete ein alter Sekretär, der meine Frage gehört hatte: Die erste Pflicht des Beamten, mein Herr, ist Pünktlichkeit!' Zwei Minuten nach zwei war keine Seele mehr in all den Räumen.
  'Morgen ist ein heißer Tag!' flüsterte mir auf der Treppe ein Kollege zu. - 'Himmel, was gibt es denn da?' fragte ich beunruhigt. - Die Bleistifte!' erwiderte er.
  Und es kamen heiße Tage: Siegellack, Kuverts, Papiermesser, Löschpapier, Bindfaden. Doch das mochte noch hingehen, denn alle hatten ja Beschäftigung. Es kam aber der Tag, an dem sie zur Neige ging. Da ermannte ich mich und bat um Arbeit. Sie gaben mir sieben Ries Papier für Reinschriften, die ich zu Hause anfertigen durfte und mit denen ich mich ,verdient' machen könne. Ich führte die Arbeit in sehr kurzer Zeit aus, aber anstatt mich aufzumuntern und anzuspornen, begegnete man mir mit Mißtrauen, weil man fleißige Leute nicht mochte. Danach habe ich nie mehr Arbeit bekommen.
  Ich will dir die qualvolle Schilderung eines Jahres der Demütigungen, der zahllosen Sticheleien, der grenzenlosen Bitterkeit ersparen. Alles, was ich lächerlich und kleinlich fand, wurde mit feierlichem Ernst behandelt, und was mir groß und rühmenswert vorkam, verspotteten sie. Das Volk nannten sie Pack und meinten, es sei nur dazu da, daß die Garnison im Bedarfsfall darauf schießen könne. Offen schmähte man die neue Staatsform, und die Bauern nannte man Verräter.
  Das hörte ich mir sieben Monate lang an. Da ich nicht mitlachte, begann man mir zu mißtrauen und mich zu provozieren. Als man wieder einmal die 'Oppositionshunde' angriff, explodierte ich und hielt eine nachdrückliche Rede mit dem Ergebnis, daß sie wußten, woran sie mit mir waren, und daß ich unmöglich wurde. Und nun mache ich es wie so viele Schiffbrüchige: Ich werfe mich der Literatur in die Arme."
  Struve, der mit dem jähen Schluß unzufrieden schien, steckte den Bleistift weg, trank seinen Grog aus und blickte zerstreut drein. Er glaubte aber doch, etwas sagen zu müssen.
  "Lieber Bruder, du hast die Kunst des Lebens noch nicht erlernt. Du wirst sehen, wie schwer es ist, sein Brot zu verdienen, und daß das allmählich die Hauptsache wird. Man arbeitet, um Brot zu bekommen, und man ißt es auf, um weiter arbeiten zu können. Glaub mir, ich habe Weib und Kind, ich weiß, was das heißt. Man muß sich den Verhältnissen anpassen, siehst du, muß sich anpassen! Und du kennst die Stellung des Schriftstellers nicht. Der Schriftsteller steht außerhalb der Gesellschaft!"
  "Nun ja, das ist die Strafe, weil er über der Gesellschaft stehen will! Übrigens verabscheue ich die Gesellschaft, denn sie beruht nicht auf freiem Übereinkommen, sie ist ein Lügengewebe, und ich fliehe sie nur allzu gern!"
  "Es wird kalt", bemerkte Struve.
  "Ja, wollen wir gehen?"
  "Vielleicht gehen wir."
  Die Flamme des Gesprächs war erloschen.
  Inzwischen war die Sonne untergegangen, der Halbmond hatte den Horizont erklommen und stand jetzt über dem Ladugärd-Gelände. Hier und da kämpfte ein Stern mit dem Tageslicht, das noch am Himmel stand, und in der stiller werdenden Stadt wurden die Gaslaternen angezündet.
  Falk und Struve gingen zusammen nordwärts; sie unterhielten sich über Handel, Schiffahrt, Gewerbe und alles übrige, was sie nicht interessierte; schließlich trennten sie sich, beide erleichtert.
  Während neue Gedanken in seinem Hirn keimten, ging Falk die Strömstraße hinab, auf Skeppsholm zu. Er kam sich vor wie ein Vogel, der gegen eine Fensterscheibe geflogen ist und nun zerschmettert daliegt, gerade als er die Schwingen ausbreiten wollte, um ins Freie zu fliegen. Er setzte sich auf eine Bank am Strand und lauschte dem Wellengeplätscher; eine leichte Brise säuselte in den blühenden Ahornbäumen, und der Halbmond schimmerte matt über dem schwarzen Wasser. Dort am Quai lagen zwanzig, dreißig Boote vertäut; sie rissen an ihren Ketten, hoben die Köpfe, eines nach dem anderen, nur einen Augenblick lang, und tauchten danach wieder unter; Wind und Wogen schienen sie zu jagen, und sie nahmen wie eine Koppel gehetzter Hunde Anlauf auf die Brücke, aber die Ketten rissen sie zurück; dann stießen und stampften sie, als wollten sie sich losreißen.
  Hier blieb er sitzen bis Mitternacht; der Wind schlief ein, die Wogen gingen zur Ruhe, die gefangenen Boote zerrten nicht mehr an ihren Ketten, die Ahornbäume rausch nicht mehr, und der Tau fiel.
  Da stand er auf und wanderte träumend heimwärts seine einsame Dachkammer weit draußen auf dem Lagard-Land.
  Das tat der junge Falk; der alte Struve jedoch, der am selben Tag in den konservativen "Grauen Mantel" eingetreten war, nachdem man ihn bei der "Roten Mütze" entlassen hatte, ging nach Hause und schrieb für die verdächtige "Volksfahne" einen Artikel "Über das Kollegium für Auszahlung von Beamtengehältern", vier Spalten lang, Spalte zu fünf Kronen.



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