Iso Camartin

Jeder braucht seinen Süden

Welche sind die Farben des Südens? Wenn ich im Norden bin und Südfarben sehen muß, gibt es eine Möglichkeit: Ich kann ins Museum. Das Kunsthaus in Zürich besitzt ein Bild, das ich häufig sehe, wenn der graukalte Winter über der Stadt hängt und den Himmel und die Seele bedeckt. Dieses Bild hat nichts Knalliges und Blendendes. Im Gegenteil, es ist sogar abendlich düster, und Dunkelzonen breiten sich über seine ganze Fläche aus. Außer Blau, Ocker, Grün, einem rätselhaften Violett für die schattige Ferne und einigen hellbeigen, unbemalt gebliebenen Leinwandflecken gibt es da nichts an Farben. Und doch scheint mir kein anderes Bild der nicht gerade armen Sammlung südlicher zu sein. Es nährt deinen Sehnerv und dein Lichtorgan mit einer Wärme wie sonst kein anderes. Das Licht ist erdschwer geworden, es hat sich materialisiert, ist aus den hell-dunklen Grenzen heraus - und in die Farben der Landschaft eingeflossen, so daß die zur wärmenden Natur geworden ist. Vor diesem Bild zu frieren ist undenkbar. Es ist die Schönheit, nicht die Kälte, die dir beim Sehen ein Schaudern über den Rücken jagt.

Das Bild gehört in jene späte Serie von Landschaftsdarstellungen, mit denen Cezanne zwischen 1904 und 1906 in Aix seinen Hausberg, der Montagne Sainte-Victoire, die letzten Geheimnisse abzuringen suchte. Weißt du, daß dieser eigensinnig hartnäckige Mann zwischen 1885 und 1906, seinem Todesjahr, von fünf verschiedenen Positionen aus immer wieder versucht hat, den Farb- und Lichtzauber der Umgebung dieses fernen Riesen künstlerisch zu bewältigen? Als man sein neues Atelier baute, entdeckte er von der Anhöhe des Chemin de Lauves eine Stelle, an der sich der Berg ihm in einer besonders hörnigen und trotzigen Gestalt zeigte. Hier hat er an lichtwarmen Nachmittagen seine Staffelei aufgestellt und, alt und gesundheitlich angeschlagen, eine Serie von Bildern geschaffen, die an Farbeinfühlung alles noch einmal in den Schatten stellten, was dieser Magier der Farben schon früher vollbracht hatte. Je zorniger, bockiger und bösartiger er mit den Banausen unter den angeblichen Kunstkennern seiner Stadt Aix wurde, um so gelöster, offener und mutiger war er, das, was er vor seinen Augen sah, auf die Leinwand zu bringen.

Vielleicht ist radikaler Süden nichts als die Entdeckung jenes Kontinents, den man die Liebe einer Frau nennt.
Schönheit erfährt man am eigenen Leib - oder man erfährt sie nicht. Die Quelle der Schönheit ist das Begehren. Bei den alten Griechen ist es der begehrte Leib des anderen, der zur Energie für das eigene Schönheitsempfinden wird. Schönheit ist die Weckruferin unserer Sinne. Eine Lust packt uns und sagt ja zu unserem Dasein. Alles weitere sind Folge-Arrangements des Kopfes. Daß Schönheit etwas mit Symmetrie, mit Harmonie, mit Stimmigkeit und mit freiem Spiel zu tun hat, entdeckt der Kopf nach und nach. Aber erst, nachdem das Feuer der Lust brennt.

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