Antonio Tabucchi: Es wird immer später (Roman in Briefform)


Madame, meine liebe Freundin,

wie das Leben so spielt. Und was die Dinge lenkt: ein Nichts. Diesen Satz habe ich irgendwo gelesen, und jetzt denke ich darüber nach. Und außerdem: Suchen wir, oder werden wir gesucht? Auch darüber sollte man nachdemken. Jemand flaniert zum Beispiel am Abend über die Straßen, geht von Cafe zu Cafe, läßt sich vom Zufall treiben, wie ich, der ich an Schlaflosigkeit leide. Früher gab es wenigstens Bobi, ich legte ihn an die Leine und führte ihn spazieren, da hatte ich eine Ausrede. Aber inzwischen ist er tot, und ich habe nicht mal mehr diese Ausrede. Ich lasse mich treiben, ich sitze in den Bistros herum, bis sie schließen, und dann stehe ich auf und mache mich auf den Weg. Der Arzt hat zu mir gesagt: Sie sind ein klassischer Fall von homo melancholicus. Aber Dürer hat die Melancholie sitzend dargestellt, habe ich erwidert, um melancholisch zu sein, braucht man einen Stuhl. Sie haben eben eine andere Form von Melancholie, hat er abschließend gesagt, eine mobile Melancholie. Und mir Turnübungen verordnet.


Deshalb schicke ich Dir einen unmöglichen Gruß, wie jemand, der umsonst von einem Ufer des Flusses zum anderen winkt und weiß, daß es gar kein Ufer gibt, wirklich, glaub mir, es gibt gar kein Ufer, nur den Fluß, früher haben wir gar nicht gewußt, daß es nur den Fluß gibt, am liebsten würde ich Dir zurufen: Paß auf, es gibt nur den Fluß! Jetzt weiß ich, was für Idioten wir doch waren, wir haben uns so sehr mit den Ufern beschäftigt, dabei gab es nur den Fluß. Aber es ist zu spät, wozu sollte ich es Dir sagen?


Sag mir: Wäre es so, wenn es wäre?


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