Jane Urquhart
Übermalungen


In dieser Nacht fielen die Temperaturen dramatisch. Am nächsten Tag hatte die ganze Welt die Farbe gewechselt.

Die Birke an der Nordküste ist fast das ganze Jahr hindurch ein unauffälliger Baum. Im Winter, so erzählte mir Sara, wenn sie ihre Blätter abgeworfen hat und die fahlen Zweige, die sich von dem Schnee ringsum kaum abheben, entblößt sind, wird sie nahezu unsichtbar. Im Sommer verschmilzt ihr Laub leicht mit den dunkleren Grüntönen der Kiefern. Aber im Herbst, so entdeckte ich in diesem Jahr, beherrscht sie alles, was in ihrer Umgebung steht.

Ich erwachte an dem Morgen nach unserem Waldspaziergang in einer Jahreszeit, die von Tausenden leuchtendgoldener Blätter illuminiert war und mit dem vielfarbigen Herbst, wie er mir aus dem Norden des Staats New York vertraut war, ziemlich wenig gemeinsam hatte. Es überwältigte mich: Darauf war ich nicht vorbereitet. In der Nähe von Saras Haus standen einige Birken, und ich fragte mich, wie sich dieser radikale Farbwechsel auf das Licht im Innern des Hauses auswirken würde.

Als ich auf der Uferstraße zu ihr ging, wirkte das Wasser dunkler, fast schwarz, der Himmel blauer, die Kiefern grüner. Die roten Beeren der Bergesche neben der Balkenwand von Saras Haus wirkten exotisch, tropisch, wie aus einer ganz fremden Weltgegend.

Sara saß lesend auf dem Sofa neben dem offenstehenden Wohnzimmerfenster. Zu ihren Füßen lag etwas Orangerotes, das ich zuerst nicht identifizieren konnte. Dann sah mich ein schmales, gespanntes Gesicht den Bruchteil einer Sekunde lang direkt an, bevor das Wesen in einem Satz über das Fensterbrett sprang und zwischen den Bäumen verschwand.

"Ein Fuchs", sagte ich verblüfft.

Sie sah ruhig von ihrem Buch auf. "Ja", sagte sie. "Ein Fuchs im Haus", sagte ich dümmlich. Es war eine Art Schock für mich, daß ein wildes Tier sich in diesen vier Wänden aufgehalten hatte, da doch für mich der Sinn eines Hauses nicht zuletzt der war, die Wildnis auszusperren.

"Er kommt immer", sagte sie, "wenn die Blätter sich verfärben. "

Ich starrte immer noch aus dem Fenster, durch das der Fuchs verschwunden war.

"Na ja, seit fünf Jahren oder so", fuhr Sara fort. "Er kommt, wenn sich die Blätter färben und nachdem die Sommerurlauber weg sind. "

"Das hast du mir nie erzählt." Ich kannte diese Frau seit Jahren und hatte nie geahnt, daß sie wilde Tiere zähmen konnte.

"Du warst ja nie da. Er wartet, bis die Sommerurlauber weg sind, dann kommt er am Morgen, um sich etwas zu fressen zu holen. Manchmal bleibt er den ganzen Vormittag da. Manchmal gehen wir zusammen spazieren. "

"Spazieren. Du und der Fuchs, ihr geht spazieren?"

"Ja, so wie du und ich gestern. Wahrscheinlich hat er uns gesehen, ist aber deinetwegen nicht nähergekommen. Im Winter kommt er manchmal in der Nacht, vor allem dann, wenn der Mond scheint. Gelegentlich schläft er am Fußende meines Betts."

Mir wurde bewußt, daß ich mir noch nie ausgemalt hatte, wie es hier im Winter aussah. Ich hatte mir noch nicht einmal flüchtig den See, eine Birke, das Blockhaus inmitten von Eis und Schnee vorgestellt, einen Fuchs, der im Mondlicht lautlos auf Saras erleuchtete Fenster zutrottete. "Wie hast du das angestellt, einen Fuchs zu zähmen?" fragte ich.

"Er ist nicht zahm." Sara klappte das Buch zu, legte es auf den Tisch neben dem Sofa. Dann setzte sie sich auf und sah mich mit diesem ruhigen, offenen Blick an, den sie immer an sich hatte, wenn sie etwas sagen wollte, das ihr besonders wichtig war. Ich begegnete ihrem Blick nur den Bruchteil einer Sekunde lang, sah weg auf den Tisch, das Buch. Ich stellte fest, daß sie Anthony Trollope las. "Man muß ein Geschöpf nicht zähmen, um es lieben zu können", sagte sie, "um es dazu zu bringen, einen zu lieben."

Ich ließ Sara an diesem Morgen im Zimmer ihres Vaters beim Ostfenster Modell stehen, wo die gelben Birken und die scharlachroten Vogelbeeren durch die Scheiben zu sehen waren. Vom See her war jetzt überhaupt kein Geräusch zu hören. Goldenes Licht lag auf den gelben Birkenblättern, strömte in den Raum, wärmte ihre Haut.

Sie sah zu, wie ich ein kleines Quantum Kadmiumorange mit Kadmiumgelb mischte, zwei der intensivsten Farben, die es auf dieser Erde gibt. Ich arbeitete auf einer kleinen Leinwand. Wasserfarben hätten nie die Hitze dieser Farben, das Gold ihrer Haut wiedergeben können.

"Nimm den Fuchs nicht in dein Bild", sagte sie.

"Ich hab noch nie Tiere gemalt."

"Er gehört dir nicht." Sie bewegte sich in ihrem Sessel, veränderte leicht die Pose. "Du hättest ihn nie zu sehen bekommen, wenn du nicht geblieben wärst."


Ein Kritiker hat den Begriff "Auslöschung" geprägt, damals, als ich zum ersten Mal Arbeiten aus diesem Zyklus ausstellte. Ein verborgenes Sujet ist ein gefundenes Fressen für die Theoretiker, über nichts läßt sich leichter reden. Sogar die, die meiner Arbeit früher gleichgültig oder ablehnend gegenüberstanden, verfassen nun lange, gedankenschwere Aufsätze über die in meinen Bildern verborgenen Gegenstände und Inhalte, die sie sich, so wie die Dinge liegen, größtenteils aus den Fingern saugen. Das ergab bisweilen recht interessante Phantasien. Andere zogen es vor, Titel wie "Der Sägebock" oder "Die verirrte Jane Eyre" oder "Nacht in der China Hall" einfach zu ignorieren und sich nicht an Spekulationen darüber, was wohl unter den verschiedenen Lasuren liegen mochte, zu beteiligen. Sie schrieben statt dessen über den "Akt" der Auslöschung, über Absenz, Leere, Preisgabe. Ein oder zwei männliche Kritiker führten den Begriff der Vernichtung ein und meinten, meine Intentionen seien wohl eher "aktiver" als "passiver" Natur und würden letztlich zu einer Aufgabe des Kunstobjekts schlechthin führen. Nicht einer jedoch, nicht einer, deutete je etwas von einem Versuch an, die Verzweiflung abzuschütteln, etwas von Katharsis, von Schmerzbetäubung.

Das fand ich ebenso erstaunlich wie die Tatsache, daß überhaupt jemand diese Arbeiten beachtete, obwohl man eigentlich glauben sollte, nach so vielen Jahren Erfahrung mit der Kunstszene könnte einen absolut nichts mehr überraschen. Aber das überraschte mich denn doch, und ich staunte erst recht, als die Sammler ihre Scheckhefte zückten. Hatten sie denn keine Augen im Kopf? Sahen sie denn nicht, daß sie da ein rechteckiges Stück Leid nach Hause trugen? Verstanden sie wirklich nicht, daß es nichts anderes als pure Trauer war, was sie da an ihren Wohnzimmerwänden zur Schau stellten?


Er lief vor den Akten hin und her. "Sie sind gut, Austin", sagte er und schwenkte den Scotch in seinem Glas, "wirklich gut." Er zog einen Stuhl von der Wand zu sich heran und setzte sich rittlings darauf, die Arme auf der Rückenlehne. Er schaute immer noch auf die Bilder. Das Glas in seiner Hand schimmerte.

Ich fand ihn gönnerhaft, sein Ton ärgerte mich. "Jetzt komm", sagte ich, "ich bin seit fünfzehn Jahren kein Student mehr. Sag mir, was du denkst."

"Liebst du sie?" fragte er unvermittelt.

Ich sagte nichts. Ich hatte keine Antwort auf diese Frage. Überall im Raum waren Bilder von Sara.

Wir schwiegen beide einige Minuten.

Schließlich schüttelte Kent den Kopf und blickte mich direkt an. "Warum beantwortest du meine Frage nicht? " sagte er.

"Wie bitte?, " Ich stellte mein Glas auf dem Fensterbrett ab und richtete mich auf, als wollte ich gehen.

"Es ist doch immer dieselbe, oder?" fuhr er fort. "Dieselbe, die wir in Ausstellung nach Ausstellung sehen, nicht? "

Ich spürte, wie ich rot wurde, und blickte hinaus in die Nacht, damit Rockwell es nicht merkte.

"Das geht dich nichts an", sagte ich ruhig, aber ich wurde jetzt langsam richtig wütend. Er hatte kein Recht, fand ich, solche Bemerkungen über mein Privatleben zu machen, zumal wenn man bedachte, daß sein eigenes gewiß niemandem als leuchtendes Vorbild dienen konnte. Ich riß mich vom Anblick der Wassertanks los und schaute ihm ins Gesicht. Wir spiegelten uns beide in der Fensterscheibe, und Sara war im Raum allgegenwärtig. "Ich glaube, wir sollten besser über die Bilder reden", sagte ich, "und nicht über irgendeine Frau."

"Irgendeine Frau", wiederholte er. Durch die Stille, die nun eintrat, hallte viermal das Klopfen in den Heizungsrohren - es war wie das Geräusch des Holzhammers, das die Anwesenden in einem Gerichtssaal zur Ordnung ruft.

"Laß uns über die Bilder reden", sagte ich noch einmal. Ich wußte, daß mein Gesichtsausdruck grimmig, meine Stimme hart war.

Schweigen.

"Also?" Ich war nicht bereit aufzugeben.

Rockwell sah eine kurze Weile zu Boden, dann hob er den Blick, nicht zu mir, sondern zum Heizkörper, der jetzt teils klappernde, teils keuchende Geräusche von sich gab. "Ich habe von den Bildern geredet", sagte er. Es klang ruhig, fast traurig. Und dann fügte er hinzu: "Sie sind eiskalt."


Mit dem Fernglas konnte ich erkennen, daß Sara den alten Overall ihres Vaters trug. Sie bewegte sich auf einer Fläche von makellosem Weiß stetig voran, umgeben von strahlendem Licht. Der Mann aus Stein hinter ihr lag in tiefem Schlaf, ungerührt, sein Leib hart und starr und unveränderlich.

Ein Herz aus Granit. Ein Bett aus Eis.

Sie muß schon bis auf weniger als eine Meile an das Ufer herangekommen sein, als ich mich entschloß, Port Arthur zu verlassen, als ich mich endgültig und für immer aus Saras Leben entfernte. Wie konnte ich mit all meiner Korrumpiertheit in ihre Unschuld einbrechen? Es war ein unerträglicher Gedanke. Ich sah die Möglichkeit des Glücks vor mir und geriet in Panik.

Während ich auf dem Highway 17 am Ufer des Lake Superior entlangfuhr, beobachtete ich im Rückspiegel, wie das Hotel, in dem wir uns hätten treffen sollen, immer kleiner wurde. Ich stellte mir Sara vor, die am Empfang nach mir fragte.


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