Der Anfang der Geschichte Volterra von Franz Tumler


1. Ansedonia und Volterra

Die Sonne ist noch am Himmel, aber man sieht sie nicht mehr, sie geht am Himmel schon unter in der Zone aus Staub, die sich über der winterlichen Erdhälfte nicht mehr löst; - gestern noch über dem Meer: auf seinen Horizont, der als Berg aufstieg, setzte die Sonne einen weichen Fuß auf sank langsam ein; und das grüne Leuchtfeuer auf dem Vorgebirge war zu erkennen, und das rote Leuchtfeuer vor dem Hafen, das wegweisende und das hemmende Feuer, sie blitzten schon lange herüber; und jetzt male ich es dir auf die Scheibe: grün, rot, und dazwischen die Stadt, über die du gegangen bist, eine ebene Tafel: Ansedonia auf dem Hügel von Cosa; Mauerwerk, Pflaster, Rinnsal, die hochgehobene Stadt, verlassen, ausgegraben, der Stein an den Tag gelegt, von wem bewohnt -

Ansedonia: ich war zuerst allein oben. Ich ging zu Mittag in die Höhe zwischen Geröll und Gestrüpp, die Zikaden schnellten mir auf die Haut und sprangen ins Laub ab; Dornenstrauch, Heidekraut, rote Erde; Kirschenfrüchte, orangenfarben, stachlig; Paradiesesbaum; ein Dornenwall versperrte mir den Einstieg in die kyklopische Mauer. An ihrem Fuß fauliger Müll, der Meerhorizont aus Kreide, eine Rauchfahne, ein Inselrücken wie ein Schlammhaufen, die Rauchfahne rückt vor, und nun erinnere ich mich: so weit draußen gehen die Schiffe vorrüber -

Volterra: Es war Sonntagnachmittag und Herbst. Wenig Fremde im Land, da bekommt es sein eigenes Leben zurück. Erde und Himmel trocken, das Laub gelichtet, von Dürre geschrumpft, auch die Äcker abgeräumt, die Früchte geerntet. Vor dem Bauernhof liegen die Maiskolben auf den Steinen; ein Nest fauliger Feigen in dem geschlitzten Weidenkorb auf dem flachen Dach zieht die Wespen an. Die struppigen Hunde zittern an der lang gelassenen Kette. Gefaserte Rindenhaut der Zypresse über dem Grabhügel, dann kommt der Ginster und die Asche aus zwei Jahrtausenden, eingeäscherte Zeit, Mondbahn, die schräg ziehenden schwefligen Rauchfahnen aus Erdspalten, und weit draußen der rotgoldenen Glanzstrich des Meeres. Davor die Stadt Volterra auf der Erdkralle, die dunkle Halskrausse ihrer Festung, die ein Zuchthaus ist: eisern geschmiedeter Reif, gelbe Erde, blaue Straßen, ungetauft, Vorhölle, Limbo; der Ort, zu dem Christus hinabstieg. Deutlich sind in dem Land nur die Gräber: schwerer Grabdeckel mit dem weißen Engel, vor dem die rote Magdalena erschrickt - ihr Gewand in der Farbe der Liebe, dasselbe Rot wie auf den Flügeln der Engel, die als gefiederte Geschosse das Sterbelager Mariae umschwirren. Volterra - eine Stadt, die lebt: mit Häusern, Sontagsruhe, aufgehängter Wäsche zwischen den etruskischen Mauern. Das etruskische Tor, breit genug für das Postauto, das in Richtung auf das Meer zu fährt. Dort weit draußen die andere Stadt, unbewohnte Klippe, Weideplatz zwischen den Mauern. Der Unterschied ist nicht groß -


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