W. Kandinsky: Über die Formfrage (in: Der Blaue Reiter, 1912)

Für jeden Künstler (d.h. produktiven Künstler und nicht "Nachempfinder") ist sein Ausdrucksmittel (= Form) das beste, da es am besten das verkörpert, was er zu verkünden verpflichtet ist. Daraus wird aber oft fälschlich die Folge gezogen, daß dieses Ausdrucksmittel auch für die anderen Künstler das beste ist oder sein sollte. Da die Form nur ein Ausdruck des Inhaltes ist und der Inhalt bei verschiedenen Künstlern verschieden ist, so ist es klar, daß es zu derselben Zeit viele verschiedenen Formen geben kann, die gleich gut sind. Die Notwendigkeit schafft die Form. In großen Tiefen lebende Fische haben keine Augen. Der Elefant hat einen Rüssel. Das Chamäleon verändert seine Farbe usw. usw. So spiegelt sich in der Form der Geist des einzelnen Künstlers. Die Form trägt den Stempel der Persönlichkeit. Die Persönlichkeit kann aber nicht als etwas außer Zeit und Raum Stehendes aufgefaßt werden. Sondern sie unterliegt in gewissem Maße der Zeit (Epoche), dem Raum (Volk).

Das wichtigste in der Formfrage ist das, ob die Form aus der inneren Notwendigkeit gewachsen ist, oder nicht.

Man darf nie einem Theoretiker (Kunsthistoriker, Kritiker etc.) glauben, wenn er behauptet, daß er irgendeinen objektiven Fehler im Werke entdeckt hat. Das Einzige, was der Theoretiker mit Recht behaupten kann, ist das, daß er bis jetzt diese oder jenen Anwendung des Mittels noch nicht gekannt hat. Die Theoretiker, die von der Analyse der schon dagewesenen Formen ausgehend, ein Werk tadeln oder loben, sind die schädlichsten Irreführer, die zwischen dem Werk und dem naiven Beschauer eine Mauer bilden. Von diesem Standpunkte aus (welcher leider meistens der einzig mögliche ist) ist die Kunstkritik der schlimmste Feind der Kunst. Der ideale Kunstkritiker wäre also nicht der Kritiker, welcher die "Fehler", "Verwirrungen", "Unkenntnisse", "Entlehnungen" usw. usw. zu entdecken suchen würde, sondern der, welcher zu fühlen suchen würde, wie diese oder jene Form innerlich wirkt, und dann sein Gesamterlebnis dem Publikum ausdrucksvoll mit- teilen würde. Hier würde natürlich der Kritiker eine Dichterseele brauchen, da der Dichter objektiv fühlen muß, um subjektiv sein Gefühl zu verkörpern. D.h. der Kritiker würde ein schöpferische Kraft besitzen müssen. In Wirklichkeit sind aber die Kritiker sehr oft mißlungene Künstler, die am Mangel eigener schöpferischer Kraft scheitern und deshalb sich berufen fühlen, die fremde schöpferische Kraft zu lenken.

Über Bühnenkompositionen

Das vom Künstler richtig gefundene Mittel ist eine materielle Form seiner Seelenvibration, welcher einen Ausdruck zu finden er gezwungen ist. Wenn dieses Mittel richtig ist, so verursacht es eine beinahe identische Vibration in der Seele des Empfängers.

Zweitens wird diese Vibration der Seele des Empfängers entsprechend auch andere Saiten der Seele in Schwingung bringen. Das ist die Anregung der "Phantasie" des Empfängers, welcher am Werke "weiter schafft".

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