Die Taste drückte man nieder, aber die Note? Die Taste existiert, da ist sie, schwarz oder weiß, die Note aber existiert nicht, sie liegt auf der Notenlinie (auf welcher?). Die Taste gibt einen Laut, die Note nicht. Die Taste existiert, die Note nicht. Wozu Noten, wenn es Tasten gibt? So verstand ich denn nichts, bis ich eines Tages auf dem Umschlag eines Gratulationsbriefes, den mir Augusta Iwanowna als "Glückwunsch" für meine Mutter überreichte, auf einer Notenlinie statt Noten Spatzen sitzen sah! Damals begriff ich, daß die Noten auf Zweigen leben, jede auf einem eigenen, und daß sie von dort auf die Tasten hüpfen, jede auf ihre eigene. So kommt die Taste zum Erklingen. Diejenigen aber, die zu spät kamen [...] leben über den Zweigen, auf irgendwelchen ätherischen Zweigen, sie hüpfen aber trotzdem herunter (nicht immer zur rechten Zeit, dann entsteht ein falscher Ton). Und wenn ich zu spielen aufhöre, kehren die Noten auf ihre Zweige zurück und schlafen dort wie Vögel und fallen, wie die Vögel, nie herunter.
Die Tasten jedoch liebte ich: wegen ihrer Schwärze und Weiße (fast
schon Gelbe!), einer Schwärze, die so offen, einer Weiße (fast schon
Gelbe!), die so heimlich traurig ist, und weil die einen breit, die
anderen schmal (beleidigt!) sind, und weil man auf ihnen, ohne sich
von der Stelle zu rühren, wie auf einer Leiter auf und ab gehen kann,
und weil diese Leiter unter den Fingern entsteht, und weil von dieser
Leiter sogleich eiskalte Ströme, eiskalte Leiterströme über den Rücken
laufen [...]
Und weil die weißen, wenn man sie anschlägt, ganz heiter, die
schwarzen aber sofort traurig, echt traurig klingen, so echt, daß es
mir vorkommt, ich drücke, wenn ich sie anschlage, auf meine eigenen
Augen und presse aus diesen Tränen hervor.
Und weil man sie anschlagen kann: man schlägt sie an, und schon
beginnt man zu sinken und sinkt, solange man sie nicht losläßt,
endlos, ins Bodenlose - sinkt, auch wenn man sie
losläßt!
Und weil sie außen glatt sind, unter dieser Glätte aber Tiefe sich
verbirgt, wie beim Wasser, wie bei der Oka, nur daß sie noch glatter
und tiefer sind als die Oka, und weil unter der Hand ein Abgrund
klafft und dieser Abgrund sich durch die Hände auftut, und weil man,
ohne sich von der Stelle zu rühren, ewig fällt.
Und weil diese Glätte der Tasten verräterisch ist, bei der ersten
Berührung bereit, zu erklingen und einen zu verschlingen.
das Klavier von unten, die Unterwasser-, die Unterklavierwelt. Submarin ist's nicht nur wegen der Musik, die einem auf den Kopf herabströmt: zwischen unserm Klavier und den Fenstern, die von seiner schwarzen Masse ausgefüllt waren und sich einzeln in ihm spiegelten wie in einem schwarzen See, standen Blumen, Palmen, Philodendren, die das subklavierene Parkett in einen echten Wassergrund mit grünlichem Lichtschimmer (auf den Gesichtern und Fingern) und echten, berührbaren Wurzeln verwandelten, wo Mutters Füße und die Pedale sich wie Riesenungeheuer lautlos bewegten.
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